„Heimat trage ich immer bei mir. Sie liegt mehr oben. Also im Himmel, zwischen zwei Sternen.“  Janosch

Wo ist unser Panamá?

Der Bär und der Tiger finden eine Holzkiste. Auf der steht „Panamá“ und das klingt verwegen, exotisch, nachTräumen und ganz weit weg. Also machen sich die Beiden auf den Weg, um dieses Panamá zu finden. Sie laufen im Kreis und im Kreis und kommen nach langer Zeit wieder bei ihrem alten Haus an, das nun verwittert dasteht. Sie machen sich das Haus wieder flott, hier ist es angenehm und schön, denn hier ist jetzt Panamá. Die beiden sind angekommen.

Ist es Zuhause am Schönsten? Und wo ist unser Zuhause?

Nach Deutschland kamen wir im heissesten Sommer, es wurde langsam Herbst, die Kastanien und Eicheln prasselten von den Bäumen, das Laub färbte sich bunt und langsam wurde es nebelig und feuchtkalt. Kurz bevor die ersten Flocken fielen brachen wir wieder auf. Der Wechsel der Jahreszeiten ist schon etwas ganz Besonderes.
Uns fiel es nicht leicht, uns in den eigentlich jahrzehntelang bekannten Alltag einzufinden, waren wir doch die karibische Gelassenheit und das Bootsleben, was beispielsweise das Kochen eines einfachen Gerichts zum dreistündigen Akt werden lässt, nach kurzer Zeit schon allzu gewohnt.
Hier gibt es keine oder wenige Supermärkte uns schon garnicht das Phänomen, dass einem der Einkaufswagen vor lauter Ungeduld in die Hacken gerammt wird. Hier wird an der Kasse getratscht, Familiengeschichten werden ausgebreitet, für Ungeduld gibt es hier keinen Platz. Auch ist die Erdanziehungskraft nicht so hoch, dass die Mundwinkel nach unten gezogen werden, Gelächter schallt aus jeder noch so kleinen Hütte und laute Musik ist allgegenwärtig. Hier braucht man keine Hautcreme, die salzige, feuchte Luft lässt die Haut samtweich und satt werden.
Doch hat Deutschland und das Leben an Land natürlich unzählige gute Seiten. Wir haben unsere geliebten Freunde und Familien wieder getroffen, hatten schöne und intensive Gespräche auf sommerlichen Balkonen, konnten typisch deutsche Spezialitäten wie Kohl und Pinkel, Matjes, Sülze, Kasseler mit Sauerkraut, Currywurst und vieles mehr geniessen. Wasser kommt spontan und auf Wunsch heiss aus der Leitung und Fahrrad fahren hatten wir auch sehr vermisst. Und-kaum zu glauben-es ist auch schön, sich in eine Decke einkuscheln zu können, ziehen wir uns hier gerade mal um 4 Uhr nachts eine leichte Decke über die Nieren, wenn die Temperatur unter 26 Grad sinkt. Strom ist immer da und das Internet funktioniert einwandfrei. Die Waschmaschine liefert duftende Wäsche, es gibt auch warmes oder heisses Wasser, wenn man will.

Zuhause ist, wo Freunde und Familie sind, aber zuhause ist auch da, wo unser Kissen liegt und die Kaffeetasse steht. Zuhause ist ein Gefühl, jenseits von Angst und Furcht, ein warmes Gefühl der Geborgenheit.

Nach dreieinhalb Monaten in Deutschland kommen wir auf unsere verwitterte INTI. Der Dschungel hat sie vereinnahmt, Insektennester fallen uns entgegen, sogar der Stahl hat angefangen Stockflecken zu bilden und innen entdecken wir auf dem Holz eine sanfte, haarige Patina aus Schimmel, kleine Spinnen haben klebrige Fäden gesponnen.
Bevor wir das Bordleben wieder in vollen Zügen geniessen können heißt es ackern, ackern, ackern. INTI steht aufgebockt und wartet auf Liebe. Das bedeutet für uns, alle Arbeiten, die ausserhalb des Wassers gemacht werden können abzuarbeiten und das ist eine Menge. Die Welle muss gezogen werden um den Motor neu auszurichten und das äußere Wellenlager zu erneuern, neue Motorfüße müssen angebracht werden, das Unterwasserschiff soll diesmal einen Anstrich bekommen, der etwas länger hält, das muss gut vorbereitet sein. Wir schmeissen uns morgens um 7h in unsere Arbeitsklamotten und fangen an, den Rumpf zu bearbeiten (zwar hatten wir zwei Jungs engagiert, die das machen sollten, doch leider schafften sie es nicht, sich durch das ganze Antifouling zu arbeiten), schleifen, bessern Roststellen aus, waschen das Boot, tragen Primer auf und last, but not least zwei Schichten Antifouling und am Wasserpass eine dritte. Ab 17h werden wir, bei Windstille, von Chitras, den winzigkleinen Stechfliegen überfallen und müssen schnell, Leiter hoch, Leiter runter, unseren Kram auf dem Boot verstauen und Feierabend machen. Smutje arbeitet wochenlang mit Guido, dem ansässigen Motorexperten, daran, den Motor neu auszurichten, fährt nach Colón zum Dreher in seine urige Werkstatt, lässt neue Bronzelager für die Welle und das Ruder drehen, wir lernen etliche einheimische Motorwerkstätten kennen, lassen die Einspritzdüsen neu einstellen, die Motorfüße werden neu ausgerichtet, natürlich passten die aus Deutschland mitgebrachten nicht ganz und nicht nur hier tun sich neue Baustellen auf, es muss geflext, geschliffen, verkürzt und verlängert werden, zum Glück gibt es in der Marina einen kleinen Workspace mit Platz zum Arbeiten. Nebenbei müssen die Bretter aus unserem Cockpit mal wieder lackiert werden, Salz und Sonne haben sie ziemlich ausgelaugt. So wandert Capitana mit ihrer Lackiererhandtasche morgen für morgen zum Workspace, um den Brettern einen neuen Anstrich zu verleihen. Das Boot blüht nebenbei vor Rost und so wird Blüte für Blüte abgetragen, jetzt wissen wir auch, was Rostklopfen bedeutet: mit dem Hammer brachial den Rost runterschlagen, bevor die Flex ran kann. Dann Phosphorsäure drauf, Anti-Rostfarbe und schlussendlich dann die fast originale gelbliche Deckfarbe. Leider hat der Mensch im Baumarkt hier nicht wirklich unseren Farbton getroffen, obwohl wir ein Muster dabeihatten gab er nach dem fünften Mischversuch auf, murmelte etwas von „Mittagspause“ und war verschwunden. Macht nichts, das Cockpit, das wir in diesem Farbton gestrichen haben strahlt wieder, der Rost ist verschwunden, etwas popelfarbiger jetzt, aber trotzdem wunderbar. Alte Schwierigkeiten werfen neue auf, manchmal wird etwas kaputtrepariert, Kabel werden an falschen Stellen gezogen oder wieder verkabelt, neue Batterien werden eingebaut und verschaltet, ein neuer Spannungsmesser angebracht. Der lustige Segelmacher repariert derweilen unser Großsegel, das Achterliek befand sich in der Auflösung.
Abends kochen wir uns einen schnellen Happen, zischen ein Feierabendbier und spätestens um 21h gehen die Lichter aus, wir schlafen wie Babies einen wohlverdienten, tiefen Schlaf. Vor lauter Energie spüren wir kaum noch unsere lädierten Knochen, übersehen die blauen Flecke, die Insektenstiche, den Sonnenbrand und die zahlreichen Schrammen. Ab fünf Uhr morgens fangen die Brüllaffen an zu röhren, eine halbe Stunde später hören sie abrupt auf, um den bunten Dschungelvögeln Gehör zu verschaffen, lustig tschilpen sie vor sich hin, tanzen auf unserem Deck herum, bevor die Grillen ein kurzes Sonnenaufgangskonzert geben.
Nun sind wir endlich wieder im Wasser, wir geniessen das sanfte Schaukeln unserer INTI im Wind und bringen noch die letzten Arbeiten an Bord hinter uns, bevor wir richtig segelfertig sind. Wir liegen in der Nachbarbucht der Marina, können wieder ins Wasser springen, neben uns eine Affeninsel und um uns herum etliche Boote, bereit, um auf die San Blas Inseln zu chartern oder starten.

Das, was wir hier tun ist viel, viel Arbeit, Arbeit, die wir nicht bezahlt bekommen, Arbeit, die wir selbst bezahlen müssen, ABER- Arbeit für uns, nur für uns und unseren gemeinsamen Traum. Wir arbeiten daran, uns nicht auf- sondern abzurüsten, für mehr Unabhängigkeit, dafür, dass unser Boot uns an Plätze bringen kann, die fernab der traveller-Routen liegen, dafür, dass wir uns mit unserem eigenem Solar- und Windstrom versorgen können, wir Yoghurtkulturen erschaffen können, Brot backen, wenn wir kein Obst finden, aus Salz-Süsswasser machen zu können, denn wir möchten an so vielen Orten dieser Welt zuhause sein und das auch leben können.