Von Regatta, Ksecontest und Schweinepipi

Zwei Nächte auf See liegen hinter uns, fast schon ein Katzensprung nach all den langen Etappen. Vor uns erscheint Raroia, ein neues Südseeparadies mit historischer Note. Hier landeten 1947 Thor Heyerdal und seine Kumpanen mit ihrer „Kontiki“ von Peru aus nach 101 Tagen auf See und versuchten damit zu beweisen, dass Polynesien von Amerika aus besiedelt wurde. Wir biegen in den Pass ein und finden uns in einem schäumenden Hexenkessel mit fünf Knoten Gegenströmung wieder. Oh-Ha denkt sich wohl auch der Delfin, der in dieser Waschküche munter ein Paar Kunststücke vor unserem Bug vollführt. Die alte Dame, der Motor, röhrt auf Hochtouren, bringt uns dennoch langsam aber sicher in das Atoll. Nach einem Knick um die Ecke ist der Spuk vorbei und vor uns erstrahlen die unglaublichen Blautöne der Südsee. Wir werfen den Anker vor dem freundlichen Dörfchen ein paar Meilen weiter, doch der Landgang ist erstmal aufgeschoben. Smutje muss sich kurieren, wieder Erwarten hat ihn kurz nach der Abfahrt doch die Grippe erwischt, die gerade unter den Seglern umgeht. Die zwei Nächte auf See verbrachte er im Fieberwahn, nicht schön. Doch jetzt gehts bergauf und wir freuen uns darauf, Raroia zu erkunden. Auch hier scheint es allerdings kein Internet zu geben, also leider wieder erstmal keine Fotos zu diesem Blogbericht.

In unserem Kielwasser liegt das schöne Amanu, ein Atoll wie wir es uns erträumt haben. Die Unterwasserwelt ist unglaublich bunt und täglich kehren wir mit fetter Beute vom Harpunieren zurück, die fangfrisch mit unseren Freunden auf dem Lagerfeuer gebrutzelt wird. An einem dieser Abende beschliessen wir, am nächsten Tag zur Sterninsel zu fahren, einem besonders grossen Korallenkopf in der Mitte des Atolls. „Abraxas“, eine schöne alte Contest 30, und INTI verabreden sich dazu zur Regatta. Schweres aber längeres Stahlboot gegen kürzeres aber leichteres GFK-Boot, spannend! Die „Pirlouit“ und „Masquenada“ wollen lieber motoren und so bekommt Einhandsegler Stefan von der „Abraxas“ kurzerhand die Gäste von der „Pirlouit“ als Crew zugeteilt. Die braucht man, um unterwegs nach den zahlreichen Korallenköpfen im Atoll Ausschau zu halten. Wir geben alles und es gibt etliche von Tröten und Schmährufen begleitete Überholmanöver. Das Ziel liegt genau in Windrichtung und die INTI kommt deutlich näher an den Wind, doch der Wind ist nur leicht und die „Abraxas“ wesentlich schneller. Am Ende kommen wir einen Tick früher an, sind aber auch als Erstes gestartet. Unentschieden, aber ein Mordsspass. Wir verbringen zusammen noch eine Nacht an der Sterninsel und am nächsten Tag machen sich die „Pirlouit“ und „Masquenada“ auf den Weg zum Nachbaratoll Hao um ihre Gäste zum dortgelegenen kleinen Inselflughafen zu bringen. Wir fahren mit „Abraxas“ noch die abgelegensten Inselchen des Atolls an und werden mit einer noch farbenfroheren Unterwasserwelt belohnt. Bunte Korallenformationen und alle Arten von Fisch in allen Farben und Grössen. Über Wasser die vollgepackten Kokospalmen, wir ernten Trinknüsse, stellen selber Kokosmilch zum Kochen her und zaubern Salate aus den unglaublich leckeren Herzen der jungen Palmen. Selbstversorgung ist lebensnotwendig in den abgelegen Südseeatollen, denn es gibt kaum etwas und was es gibt ist oft unbezahlbar. Unter den Booten läuft gerade ein Käsecontest. Alle experimentieren mit Milchpulver, Kefir oder Joghurtkulturen herum, pressen, würzen und trocknen um irgendwie Käse zu bekommen. Am Ende wollen wir in einem Blindtest feststellen, wer das beste Käserezept gefunden hat. Auch auf der INTI baumelt neuerdings ein Körbchen zum Käsereifen unter dem Solarpaneel und wir lernen viel dazu. Eine über zwei Tage im Kühlschrank in einem Strumpf abgetropfte Kefirkultur gibt beispielsweise einen super Frischkäse, danach etwas gepresst und zum Trocknen aufgehängt wird langsam ein Hartkäse daraus. Wir sind gespannt, wie sich die Produktion weiter entwickelt!
Die letzten zwei Tage in Amanu verbringen wir in dem kleinen „Hafen“ des Dorfes. Eigentlich ist der nur für Motorbötchen, doch durch die kleine Lücke in den Korallen gelangen auch wir noch grad so in das Häfchen. Im Päckchen mit „Abraxas“ und vertäut mit zwei Heckankern und zwei Landleinen liegen wir gemütlich direkt im Dorf. Natürlich werden wir wieder freudig begrüsst. Das Versorgungsschiff war da und in unserem Lieblingsladen finden wir doch tatsächlich ein paar frische Möhren und Kartoffeln. Der kleine Tante-Emma-Laden ist eigentlich eher ein Onkel-Emma-Laden, denn er gehört einem super lieben Transvestiten, der uns immer gern und mit grossen „Hallo“ begrüsst. Transvestiten gehören in Polynesien voll zur Kultur und stehen nicht, wie in der westlichen Welt leider all zu häufig, ausserhalb. Egal ob sie aus freien Stücken Transvestiten geworden sind oder auch, weil eine Familie zu viele Söhne geboren hat und einer der Sprösse einfach als Mädchen erzogen wurde, sie sind voll integriert. Gegenüber von Onkel-Emma lassen wir uns sagen gibt es Alkohol, denn Bier gibt es keins auf Amanu. In einem Häuschen bekommen wir ein seltsames Gebräu aus Hefe, Zucker und Gewürzen zu sehen, das in grossen Plastikfässern vor sich hin gärt, der Produzent erzählt mit breitem Grinsen, dass das Zeug übersetzt Schweinepisse genannt wird. Ok..wir probieren, und siehe da es schmeckt erstaunlich gut. Wir beschliessen zwei abgefüllte Plastikflaschen zu kaufen, doch der Hersteller guckt uns nur fragend an. Wie kaufen? Die bekommt ihr natürlich geschenkt, schliesslich seid ihr Gäste in Amanu! Das Zeug hat es in sich. Wir leeren die Flaschen zusammen mit Stefan in unserem Hafenpäckchen, spinnen bis in den Morgen Seemannsgarn, wachen am nächsten Tag mit einem ziemlichen Helm auf dem Kopf auf und wissen, dass wir erstmal genug von Schweinepipi haben. Dennoch beschliessen wir am nächsten Tag den Pass zu betauchen. Das ist ein ziemlicher Spass, denn zur richtigen Zeit braucht man nur auf der einen Seite ins Wasser zu springen und saust mit der Strömung hindurch. Ohne uns bewegen zu müssen gleiten wir durch den Pass und unter uns ziehen Mantarochen, Schwärme von Kleinfischen, Ammen- und andere Haie dahin. Ein beeindruckendes Schauspiel und wir sausen gleich zweimal hindurch. Am nächsten Tag heisst es dann Abschied nehmen vom kleinem Paradies Amanu, das immer einen Platz in unserer Erinnerung behalten wird. Wir sind gespannt, welche Überraschungen uns in Raroia erwarten!

via Kurzwelle
12.06.2017 – 03:38 utc
16°02.42’S
142°28.29’W
Kurs 333T Speed 0.0 Kn

2 Responses to Von Regatta, Ksecontest und Schweinepipi

  1. Brigitte Buttmann-Simon

    Wie schön, wieder von euch zu hören – endlich – und interessant der Exkurs zu Transgender. Auf den ersten beiden Reisen, die ich allein nach Rapa Nui unternommen habe, bin ich ebenfalls mit diesem Thema konfrontiert worden. Auch dort hat „das dritte Geschlecht“ seinen Platz in der Gesellschaft und wird weder isoliert noch diskriminiert. Es gehört einfach dazu.
    Die zweigeschlechtliche Weltsicht der christlichen und jüdischen Kultur hat ihre Probleme damit.
    Da könnten die noch einiges lernen !!!
    Euch beiden alles Liebe und weiterhin eine wunderbare Zeit wünscht mams

  2. Rainer und Ingrid

    Vielen Dank ihr beiden, für diesen farbigen Bericht. Unglaublich. Ingrid hat mir eben vorgelesen. Wir liegen in Starkwind gefangen, aber sicher in einer Box an der Ostsee. Mit zuen Augen zuhörend wird eure Schilderung lebendig und ich möchte gern mehr. Wir grüßen euch und wünschen (viel kann man eigentlich kaum noch wünschen?!) doch: sichere Weiterfahrt, einen freundlichen Motor, wenn’s drauf ankommt, gute Gesundheit für euch beide.
    Eure Ingrid und Rainer

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