Eigentlich geht`s ja gerade in die falsche Richtung, aber wir wollen unserem neuen Schatz eine ordentliche Wellnesskur verpassen, und dazu immer ans Ijselmeer? Kurzum, wir beschliessen, das Boot nach Berlin zu holen. Klingt ja auch alles ganz easy….raus aus dem Ijselmeer, zack umme Ecke nach Bremen gesegelt, Mast runter, die Weser hoch zum Mittellandkanal und weiter nach Berlin.

Dass diese Planung etwas zu blauäugig war, merkt der zugegebenermaßen noch etwas unerfahrene, frischgebackene Skipper schon im Flieger nach Düsseldorf, wo er sich mit dem Vorbesitzer Jörg trifft. Sturmwarnung, der Flieger hat Verspätung, da die Maschinen bei dem Schietwedder nur schlecht auf den Boden kommen.

Nicht grade die besten Vorraussetzungen, um mit einem neuen, noch unbekannten Boot über die Tidengewässer der Nordsee zu schippern. Jörg kommt netterweise ein paar Tage mit, um dem Skipper eine richtige Einweisung zu geben und ihm bei der Überführung zu helfen.

Wir beschliessen, nach vielem Hin und Her, die „Staande Mastroute“ durch Hollands Grachten  und Kanäle zu nehmen. Dabei haben wir unglaubliches Glück und kommen bei strahlendem Sonnenschein super voran. Als hätten sie auf uns gewartet öffnen sich Brücke für Brücke, ohne jemals länger warten zu müssen. Es ist kaum zu glauben, haben wir doch vorher Stories von stundenlangen Wartezeiten gehört. Nur in Groningen bleiben wir am Sonntag hängen: „Brücken im Oktober Sonntags geschlossen“. Aber egal, es ist eh schon Abend und mal Zeit für einen Landgang mit ein paar Bierchen.

Ein weiterer Pluspunkt ist noch, dass wir Renate und Hartmut kennenlernen, die am Wartesteg neben uns liegen. Die beiden werden uns im weiteren Verlauf der Reise noch eine grosse Hilfe sein.

Am nächsten Morgen klemmen wir uns gemächlich hinter ein altes Plattbodenschiff und haken gemütlich Brücke für Brücke durch die wunderschöne Groninger Innenstadt ab. Der Brückenwärter radelt Brücke für Brücke nebenher und hält uns am Ende seiner Arbeit einen bunten Holzschuh an einer Angel entgegen, um das Brückengeld zu bekommen. Wir lassen die Kanäle hinter uns und ziehen durch den Dollart bis nach Emden. Im Yachthafen entdecken wir einen Kran zum Mastlegen,  Hartmut und Renate machen sich schon bereit, ihren Mast zu legen, und wir beschliessen dies jetzt auch anzupacken.

Aber woher das Holz für die Maststützen nehmen? Der Plan war ja eigentlich, ihn gemütlich in Bremen in Baumarktnähe zu legen. Der Skipper beschliesst, sich mal vorsichtig auf der benachbarten Grossbaustelle umzusehen. Immer darauf vorbereitet gleich, ganz Berliner Art, von einem Bauarbeiter zusammengeschrieen zu werden, schleicht er übers Gelände. Doch siehe da! Kein Geschrei…. Die Ostfriesen sind ein echt tiefenentspanntes, freundliches Völkchen. Auf ein „Moin“ und der Frage nach Holz, kommt nur die Rückfrage. Was denn für welches und wie lang? Kurz darauf bekommt der Skipper feinste Kanthölzer auf Wunschlänge zurechtgesägt und wird, als wäre es noch nicht genug, von den beiden Helden bis zum Boot gefahren und das Holz hinaufgetragen. Geld? Ah lass mal, lieber noch nen kleiner Schnack am Boot! Ich zwänge ihnen trotzdem ein paar Euro auf.

Wir helfen Hartmut bei seinem Mast und er hilft uns, unser 12,5 Meter Ungetüm zu bändigen. Nachts um 1 Uhr sinke ich in der Koje zusammen.

Kaum zu glauben, wir haben in nur drei Tagen die „Staande Mastroute“, den Dollart und das Mastlegen geschafft! Ab jetzt sind „nur noch“ die Ems und diverse Schleusen im Weg. Leider geht es Jörg gesundheitlich nicht so gut. So beschliesst er, am nächsten Tag die Gelegenheit zu ergreifen und mit seiner Schwester zurück nach Holland zu seinem Auto zu fahren. Es wird ein trauriger Abschied für ihn, was der Skipper gut verstehen kann, hat er doch die super Eigenschaften des Bootes schon lieben gelernt. Der Skipper beschliesst nun,  einen Tag Pause zu machen, neuen Proviant zu bunkern und mal die Seele alleine auf dem neuen Schiff baumeln lassen. Die Capitana gesellt sich per Skype dazu und das Ganze fühlt sich richtig gut an.

Unser neues Boot, wir haben es wirklich getan!!