Niemand kann einen Sonnenuntergang besitzen wie jenen, den wir an einem Abend gesehen haben. So wie auch niemand einen Abend besitzen kann, an dem der Regen gegen die Fensterscheiben schlägt, oder die Ruhe, die ein schlafendes Kind ausstrahlt, oder den magischen Augenblick, in dem sich Wellen an einem Felsen brechen. Niemand kann das Schönste besitzen, was es auf Erden gibt – aber wir können es bewusst genießen und lieben.
– Paulo Coelho, Brida

Gedanken der Capitana in Brasilien:

<<Es ist dunkel geworden. Wir sitzen in unserem Dingi und knattern gemütlich eine kleine Lagune entlang vom Dorf zurück zu unserem Boot. Das Wasser rauscht, Musik dröhnt aus den Soundsystems am Strand, einige Fischerboote überholen uns. Es fühlt sich alles gut und normal an. Doch manchmal denke ich: ist das alles normal? Wie sind wir hier hingekommen? Wir bewegen uns völlig unbefangen in kleinen Dörfern und an Orten, wo wir nicht einmal die Sprache sprechen. Und doch kommen wir immer zurecht, überall helfen uns liebe Menschen, zeigen uns den Weg, schenken uns Kokosnüsse, bieten uns Unterstand im Regen an oder fahren an unser Boot, um uns frischen Fisch und Hummer zu schenken. Wir sind völlig entspannt. Und doch ist das Ganze ein Traum. Wie selbstverständlich tänzeln wir durch fremde Welten. Sicher ist die Welt in den letzten Jahren viel kleiner geworden und soviel unbekanntes Terrain gibt es nicht mehr. Außerdem reisen wir ja auch in einer Geschwindigkeit, die ein Fahrradfahrer leicht überbieten kann, Jetlag gibt es nicht. Und doch-reist der Kopf genauso schnell mit? Polen, Dänemark, Holland, Frankreich, England, Spanien, Portugal, Marokko, Kapverden, Brasilien. In einem Jahr. Da bleibt das Gehirn doch irgendwie auf der Strecke. Dann die immer länger werdenden Touren. Da wir uns auf das Wesentliche konzentrieren können, nicht durch irgendwelche äußeren Faktoren abgelenkt sind, schaffen wir es immer, vernünftig und klar zu handeln und gut miteinander zu arbeiten. Es fühlt sich gut an, irgendwo anzukommen, doch manchmal brauche ich eine Woche, wache nachts auf, weiss nicht, ob ich gleich mit einer Nachtwache dran bin, ob wir vor Anker liegen oder in irgendeiner Marina. Es sieht so aus, als bräuchte der Geist doch seine Zeit, um den Wechsel von Orten zu realisieren. Es ist eben doch ein gelebter Traum.>>

Seit ein paar Tagen sind wir nicht mehr in Brasilien. Knapp 1200 Meilen mussten wir zurücklegen um die Grenze dieses riesigen Landes zu erreichen. Nach Galinhos legten wir noch einen Stop in dem Fischerstädtchen Luis Correira ein, um die INTI mal wieder ordentlich mit Proviant aufzufüllen. Das war dringend nötig, denn danach ging es weiter in die Einöde. Wir ankerten zwischen Sanddünen und Mangroven in der wunderbaren Lagune von Lencois. Ausser uns nur bunte Vögel, Papageien und ein paar Fischerboote. Danach ging es weiter, sechs Tage auf See bis wir pünktlich zum WM-Finale Deutschland gegen Argentinien die Iles du Salut in Französisch Guyana erreichten. Alles in allem ging die Reise dank des Guyana-Stroms verhältnismässig schnell. Bis zu 3 Knoten extra bescherte er uns. Die MOONSTONE, die eines Morgens ebenfalls auf den Iles du Salut eintrudelte war in nur acht Tagen direkt die 1200 Meilen von Jacaré dorthin gesegelt. Nicht schlecht!
Das war dann also Brasilien. Abschliessend haben wir festgestellt, dass der Funke in diesem Land nicht so richtig zu uns übergesprungen ist. Wir wissen nicht genau warum. Viele schöne Momente und Orte haben wir in diesem diesen Land erlebt. Wir haben nette Leute kennengelernt und viel Spass gehabt. Aber dennoch hat es uns nicht gepackt. Vielleicht weil das Segeln in Nordbrasilien mit den starken Strömungen und Regensqualls stellenweise recht anstrengend war. Vielleicht wegen dieser latenten Unzufriedenheit der Menschen, die uns immer wieder in den sogenannten Schwellenländern begegnet, in denen so viele neue Konsumgüter locken aber den meisten Leuten ganz einfach das Geld dafür fehlt. Vielleicht ist es aber auch einfach nur ein zufälliges Gefühl, wenn man das erste mal ein neues Land betritt. Wer weiß? Komischerweise ist in Französich Guyana der Funke sofort übergesprungen. Ein unglaublich bunter Bevölkerungsmix aus Weissen, Schwarzen, Asiaten, Ureinwohnern und allen möglichen Mischungen dazwischen begrüsste uns. Die Leute sind angenehm entspannt und locker. Eigentlich wollten wir nur kurz mal Stoppen und weiter Richtung Tobago, aber jetzt werden wir sicher noch ein bisschen bleiben!