Am Ende des Strandes bin ich geboren, und so trag ich in mir alle Meere der Welt. 

Meine Post sind die Wellen, sie bringen und nehmen mit  sich Gruß und Geheimnis.

Meine Briefe, meine winzigen Briefe der Sehnsucht, sind salzige Seufzer, von Nixen gepflückt, vom Kamme der Wellen.

In den Schneckenhäusern und Muscheln aller Meere der Welt sind sie verschlossen, meine Liebeslieder.

Denn am Ende des Strandes bin ich geboren, und so trag ich in mir alle Meere der Welt.  

Salziges Gedicht, Ovidio Martins kapverdischer Poet

Wir sind raus aus Europa! Marokko war zwar auch nicht Europa, aber da lagen immernoch die Kanaren vor uns. Jetzt haben wir unseren alten Kontinent hinter uns gelassen.

Da die Kapverden bis in die 70er noch portugiesische Kolonie waren, spürt man die letzten Ausläufer Europas sicher auch noch hier, aber es ist schon eine völlig andere Welt. Geografisch sind wir in  Afrika, doch durch die kreolische Kultur ist die Lebensart eher karibisch oder brasilianisch. In den Kneipen werden die Gitarren bearbeitet und schmachtende Lieder über die Liebe und die Schönheit der Inseln zum Besten gegeben und seit einigen Tagen beben die Strassen von Sambagruppen, Soundsystems und tanzenden Menschen. Wir nähern uns der grossen Karnevalsparade und es wird schon mal ordentlich vorgeglüht.

Wir fühlen uns sauwohl, denn es ist schön warm und die Leute sind angenehm freundlich und offen. Man wird immer wieder gern in einen kleinen Plausch verwickelt, selbst wenn dazu nur ein paar Sprachfetzen zur Verfügung stehen. So erledigte der Beamte von der Marinepolizei den Einklarierungspapierkram eher leidenschaftslos nebenbei, um dafür umso leidenschaftlicher mit uns über den bevorstehenden Karneval zu reden. „Viel Spass auf Sao Vicente, wir sehen uns auf dem Karneval!!“ Klar gibt es hier und da mal den einen oder anderen, der sich ein gutes Geschäft mit den beiden noch vom Seegang etwas wackelig durch die Strassen tapsenden Weissbroten verspricht, aber alles nicht aufdringlich. Die Capitana bringt es auf den Punkt: „Es tut gut, nicht wie ein Exot behandelt zu werden und trotzdem in einer exotischen Umgebung zu sein.“

Das gute Leben hier haben wir uns aber auch hart erarbeitet, denn der Weg hierher war eher von der ungemütlichen Sorte. Es gibt Törns zum Segeln und Törns zum Ankommen, dieser war definitiv letzteres.

Nicht beunruhigend, gefährlich oder zum Angst haben, sondern einfach ungemütlich. Zwar bescherte uns der konstante Wind um die 20 Knoten Traumetmale und wir erreichten die Inseln einen Tag eher als erwartet, aber er knallte uns konsequent direkt von hinten ins Boot, dazu recht kurze Wellen um die drei Meter, die sich auch nicht so recht entscheiden konnten, aus welcher Richtung sie kommen wollten und immer mal wieder gerne unvorbereitet von irgendwoher über das Boot spritzten. Die gesamte Überfahrt fletschten sie mit ihren Schaumkronen die Zähne. Die Konsequenz war eine schleimige Salzschicht überall. Unsere Kapsel verwandelte sich langsam aber sicher in eine Laugenstange und wir in Pökelfleisch. Dazu gabs mal wieder Rollen und Schaukeln der Extraklasse, das uns einige ganz besondere Exemplare in unsere Blaue-Flecken-Galerie bescherte. Die ersten Tage bekamen wir ausser Zwieback nichts runter und selbst die sonst so hartgesottene Capitana fütterte diesmal die Fische. Vier Schlucke kalten Wassers kamen ebenso kalt im Rückwärtsgang wieder heraus. Nach drei Tagen war die Übelkeit, wie erwartet, aber vorbei und der Körper hatte sich selbst an diesen Rhythmus gewöhnt, sodass wir langsam in den neuen Level der Kochakrobatik übergehen konnten. Das machten wir dann auch und liessen die ungemütliche See einfach draussen! Abgesehen von Rundumblicken im 20-30 min Takt machten wir es uns in der Kapsel gemütlich, lasen viel, kochten Leckereien und genossen frisches Brot. Abgelenkt wurden wir auf der gesamten Reise nur von zwei Schiffen, die uns irgendwo weit weg am Horizont passierten. Während einer Nachtwache wurde Capitana allerdings jäh aus der Monotonie des Wellenrauschens gerissen, als es auf einmal im Äther rauschte und im Funk eine Stimme vernehmbar wurde. Aufrecht sass sie in ihrer Koje! Eine hohe Männerstimme

forderte alle am Funk sitzenden Menschen (waren da noch andere?) dazu auf: „ C´mon everybody, clap your hands!!!!!“ Da Smutje endlich mal schlief, liess sie das doch lieber sein. Nun war es dem Scherzkeks etwas zu einseitig und er kommentierte:“ It´s so boring…“ und fing an, ein liebliches Lied anzustimmen. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht lauschte Capitana der Stimme aus einer fernen Welt und überlegte noch kurz, ob sie nicht einen Kanon mit dem lustigen gelangweilten Menschen anstimmen sollte, doch beliess sie es im stummen Zuhören. Nach zwei, drei Minuten war der Spuk vorbei und ab jetzt schwieg der Funk bis kurz vor den Kapverdischen Inseln. Ansonsten Einsamkeit, Abgeschiedenheit, rabenschwarze Nächte, die nur ab und zu den Sternenhimmel preisgaben oder vom aufblitzenden Meeresleuchten unterbrochen wurden. Bis zu 600km vom nächsten Land entfernt schossen wir in unserer kleinen Stahlkapsel dahin, immer wieder ein interessantes und intensives Gefühl.

Segeltechnisch gab es auch nicht viel zu erledigen. Wir korrigierten höchsten einmal am Tag ein wenig die Windsteueranlage, das Gross blieb konsequent im zweiten Reff und die Genua wurde mal mehr mal weniger ausgerollt. Ein super Tipp vom Segelguru Jimmy Cornell vereinfachte uns das Leben dabei um Einiges. Unsere Freunde von der „Orion“ hatten eines der im Rahmen der Blue Odyssee in Lanzarote abgehaltenen Seminare besucht und die von Cornell vorgetragenen Tipps und Kniffe brühwarm mit nach Gomera gebracht. Cornell empfiehlt, den Baum zum Ausbaumen der Genua nach oben, sowie mit je einem Niederholer, nach vorn und hinten zu fixieren und dann die Vorschot so in das Baumende zu klicken, dass sie frei beweglich bleibt. Vorausgesetzt man hat eine Rollgenua, ermöglicht das das Ein- und Ausreffen der Genua, ohne den Baum anfassen zu müssen. Der Smutje hatte vor der Überfahrt eh gerade die Bäume zum Ausbaumen überarbeitet und repariert und versah sie kurzerhand mit einem weiteren Niederholer. Ein gutes System, das uns einiges nervenaufreibendes Gefummel beim Ausbaumen ersparte.

Alles in allem haben wir unsere bisher längste Etappe also gut überstanden, es kann halt nicht immer Champagnersegeln sein.

Der Abschied in Gomera war dafür um so schöner. Zusammen mit der „Atika“ und der „Orion“ genossen wir ein Abschiedsessen mit viel Vino und Leckereien. Unsere Abfahrt wurde begleitet von viel Gewinke, Geträller und Getröte der Stegnachbarn. Die Sonne schien, die Delfine bereiteten uns ein Sonderspektakel und im Hintergrund erstrahlte der schneebedeckte Teide.

Die Ankunft war auch wieder ein unbeschreibliches Gefühl. Als sich aufgrund der schlechten Sicht, endlich,  10 Seemeilen vor dem Ziel, die Berge von Sao Vicente aus den Wolken pellten waren wir wie aufgedreht. Es mag vielleicht widersprüchlich klingen, aber allein für das Gefühl des Ankommens lohnt es sich, mit einem Boot zu reisen. Man ist einfach nur glücklich, und die überstandenen Strapazen schrumpfen schlagartig zu Nichtigkeiten oder vielleicht zu einer lustigen Geschichte mit anderen Seglern zusammen. Belustigt stellt man gemeinsam fest, dass man nicht der Einzige ist, der auf der Überfahrt einmal kurz vorm Durchdrehen war, da ein extrem nerviges Klappern einer Lackdose einfach nicht in den Griff zu kriegen war. Dass auch andere ihr Essen gerne mal mehrfach wieder vom Boden in die Schüssel befördern müssen, bevor es endlich in den Mund wandert. Dass auch andere gerne mal vom Inhalt ihrer Obst und Gemüsenetze bombardiert werden.

Jetzt tanzen wir uns erstmal über den Karneval, bevor wir mit ein paar Schlenkern über die anderen Inseln, unseren Bug weiter Richtung Westen wenden.