In den Wanten heult der Wind sein mächtiges Lied, es pfeift und zischt mit 6 Windstärken, während wir uns hart am Wind gen Süden kämpfen. Rums! Eine weitere Welle erschüttert die INTI, Gischt fegt über das Deck, reissende Bäche suchen sich ihren Weg, blubbern durch die Abflüsse. Wir schaukeln wie irre, hin und her, rauf und runter. Immer wieder rammt sich der Bug in die beachtlichen Wellenberge und pflügt uns den Weg frei. Wir leben im Würfelbecher, das Kochen wird zur Akrobatik und zum Schlafen muss man es irgendwie schaffen, sich gleichzeitig zu verkeilen und zu entspannen. Innen wird es immer feuchter und und stickiger, denn mal eben ein Fenster zum Lüften aufmachen kann man natürlich nicht. Eine Welle findet sogar ihren Weg durch unsere Belüftungshutzen und lässt kurzzeitig das Wasser aus der Decke spritzen. Dies ist definitiv einer unserer härtesten Törns, wir sind müde, angestrengt, doch Angst haben wir nicht, denn die INTI ist ein stabiles und sicheres Schiff. Neben uns sehen wir die MUOZA, eine ebenfalls 35 Fuss lange, schöne alte Hallberg-Rassy Rasmus, wie einen Korken die bis zu vier Meter hohen Wellen hoch und runter schaukeln. Wir funken in regelmässigen Abständen, erörtern Strategien und Wetterprognosen, halten uns gegenseitig bei Laune und schaffen es tatsächlich, in dieser Waschküche die gesamte Zeit über zusammen zu bleiben. Es heisst ausharren, durchhalten, sich auf das kommende Ziel freuen. Wir passieren die gefürchteten Bänke der Westkaribik, deren Gefährlichkeit die etlichen in den Seekarten verzeichneten Wracks bezeugen, in respektvollem Abstand. Unser Plan geht auf, Wind und Welle gehen wie vorhergesagt noch etwas weiter nach oben, doch wir können etwas abfallen und haben sie jetzt in einem deutlich günstigeren Winkel. Unter minimal ausgerollter Genua schiessen wir unserem Ziel entgegen und erreichen nach genau vier Tagen die Insel Providencia. Unsere Strategie ist erstaunlicherweise genau aufgegangen. Selten haben sich die Wetterprognosen so bestätigt. Nachdem wir über drei Wochen auf dem öden Cayman Brac ausgeharrt, täglich das Wetter geladen und Chris Parkers Funkrunde gelauscht haben, tat sich endlich dieses viertägige Wetterfenster auf. Wind und Welle gingen etwas runter und die Squallwahrscheinlichkeit gen null. Squalls sind die in den Tropen immer wieder auftretenden Ministürme, oft garniert mit heftigem Regen und Gewittern. Wir haben schon so einige von denen durchfahren, vor allem auf der Fahrt von Kuba bis zu den Caymans wurden wir ordentlich gebeutelt. Eigentlich kein Problem, da man sie immer recht früh an ihren Wolkentürmen erkennt und die Segel reffen kann, aber wenn die Bedingungen eh schon hart sind… Wie vorhergesagt erwischen uns am Morgen des letzten Tages ein paar leichte Squalls. Doch sie lassen lediglich den Wind noch etwas hochgehen und so können wir unter minimaler Besegelung die Ansteuertonne von Providencia problemlos anlaufen. Mittlerweile sind wir so eingeschaukelt, dass wir uns währenddessen sogar noch ein Essen kochen, um nicht völlig ausgehungert die ganze Anker- und Einklarierungszeremonie durchstehen zu müssen. Gut betonnt geht es durch die Riffe in die wunderschöne und gut geschützte Bucht von Providencia. An Land empfängt uns der freundliche Sr. Bernardo Bush, der zwar für eine satte Gebühr aber dafür angenehm einfach die mal wieder absurden Papierberge für uns erledigt. Die Insel ist bunt und voller Leben, denn es findet gerade das wichtigste Volksfest, die Fiesta Folkloric, des Jahres statt. Zusammen mit der Muozacrew gönnen wir uns ein paar Bier und futtern uns durch die Strassenstände, lauschen der Musik und sind einfach nur glücklich, an diesem schönen Ort angekommen zu sein. Am Abend fallen wir in unsere Kojen, die letzten Tage haben wir uns oft gefragt ob diese Strapazen die Reise eigentlich wert sind. Der erste Eindruck von Providencia sagt uns mal wieder, sie sind es auf jeden Fall! Glücklich fallen wir in einen tiefen, vierzehnstündigen Schlaf.

Doch noch ein paar Worte zu Cayman Brac, immerhin waren wir ziemlich lange auf dieser merkwürdigen Insel.

Eigentlich wollten wir ja direkt nach Panama. Unser Batterienproblem, aber auch das Wetter haben uns zu einem Zwischenstopp vor Cayman Brac gezwungen. Über drei Wochen hingen wir an einer immerhin kostenlosen Mooring (Boje zum Festmachen), haben eine neue Batterie eingebaut, und warten auf ein Wetterfenster nach Panama. Doch das will einfach nicht kommen. Squalls sausen über uns hinweg, Gewitter flackern um uns herum und tropische Regengüsse prasseln auf uns nieder. Mal liegen wir ruhig in einer schwülfeuchten Flaute, dann rollen wir wieder wie verrückt, wenn der Wind die Wellen aufbaut. Immer wieder soll das Wetter besser werden und wird es dann doch nicht.

Wohingegen sich Kuba stets lebendig, bunt, offen und quirlig zeigte so ist dies hier genau das Gegenteil. Landen wir mit dem Dingi an, müssen wir erst einmal am kitschig bunten Friedhof vorbei. Weisse Gräber geschmückt mit neonbunten Plastik- und Stoffblumen. In jedem zweiten Grab liegen Ahnen der scheinbar grössten Familie der Insel, der Scotts. Und der Friedhof ist tatsächlich der lebendigste Ort der Insel, bunt dekoriert und zuckersüss. Läuft man weiter Richtung Siedlung kommt man zunächst an einem riesigen Kiesberg vorbei, dahinter die Firma der Familie Scott. Auf der anderen Seite eine Post, welche im Stil der langweiligen US-amerikanischen Vorstadtarchitektur ähnelt. Menschen gibt es im Vergleich zu Kuba so gut wie nicht auf den Strassen. Im weiteren Verlauf passiert man die „Barracudas Bar“, eine Lokalität, in welcher durch die Klimaanlage Friedhofstemperaturen erzeugt werden, bestückt mit zwei Fernsehern, auf denen jeweils ein Sport- und ein Musikkanal läuft, alles in einem schummerigen Licht. Oh-ein Mensch betritt die Bar!!!! Tatsächlich! Eine Frau stemmt sich an die Theke, die Augen leicht verdreht und offensichtlich betrunken, beginnt sie über das Musikprogramm zu schimpfen, wir können sie kaum verstehen. „All Drug-Consumers…..Alles Drogenkonsumenten…“ keift sie lallend vor sich hin. Alte Jimmy Hendrix Songs schallen durch die Kneipe, untermalt von dem Sound des anderen TV, brüllender Beifall für irgendeine Baseballmannschaft. Kurz sprechen wir mit dem Besitzer der Bar. Er ist von New York hierher gekommen, weil es ihm hier so richtig gut gefällt. Hmmmm. Ein weiteres, etwas angealtertes Paar betritt die Lokalität. Botox, Lifting, hier wurde ordentlich nachbearbeitet. Der Besitzer verrät uns, dass diese Menschen hier Stammgäste sind, sie kommen aus den USA gern mal auf einen Drink mit ihrem Privatjet rüber. Wir laufen ein paar Meter weiter und erreichen den zentralen Platz. „Market Place“ heisst er, übertriebenermaßen, denn hier gibt es ausser einem Supermarkt, einer Bank, einem Schild „Cayman Brac Clinic“ und unglaublich vielen leeren Parkplätzen einfach garnichts. Und auch hier huschen nur zombiehaft Menschen vorüber. Springen aus ihren überdimensionierten, sicher winterhaft temperierten Autos direkt in den Supermarkt. Auch wir betreten den Supermarkt und müssen feststellen, dass sich das Leben hier scheinbar in geschlossenen Räumen mit verspiegelten Fensterscheiben abspielt. Auf einmal sind wir in einer Seifenoper oder David Lynch-Film gelandet, wir werden von den philippinischen Angestellten des Supermarktes dreimal begrüsst, hinter jedem Regal springt ein weiterer Mitarbeiter hervor, der uns freundlich willkommen heisst. Freies Internet gibt es hier auch. So sitzen wir im Bistrobereich herum und beobachten die Menschen, die deutliche Vitaminmangelerscheinungen haben, wie sie zur Mittagszeit Pommes mit Hähnchen und Hähnchen mit Pommes in der grossen Plastikbox zum Mitnehmen bestellen. Im Supermarkt selbst gibt es nur eingeflogenes Obst und Gemüse aus den USA. Alles aus dem Kühlschrank. Die Tomaten sehen im Neonlicht rosa aus, ein Blumenkohl kostet etwa sechs Euro. Und so ist das hier. Die Preise sind enorm. Wenn man genau schaut, kann man auch für weniger Geld einkaufen, aber im Grossen und Ganzen liegen die Preise hier auf einem hohen Niveau. Als wir im Schnapsladen nachfragen, was Zigaretten kosten, fallen wir fast um, ein Päckchen würde neun Euro kosten. Wir fragen, ob es auch günstigere Sorten gibt und die freundliche Dame zeigt uns halbe Päckchen. Die kosteten auch nur die Hälfte. Wir schauen uns an. Cayman Brac. Was für ein Nest. Eine kleine Entschädigung bietet das kristallklare Wasser, wo wir, wenn es nicht regnet oder stürmt so einige kleine Schnorchelrunden drehen. Und wir staunen nicht schlecht, ist doch die Mooring, an welcher unsere INTI hängt, direkt am Bug eines versenkten russischen Kriegsschiffes festgemacht. Wir bestaunen die Kanonentürme und wundern uns über die kleinen Bläschen, die aus dem Bauch des Schiffes an die Oberfläche gluckern.

Seltsam auch: Stromausfall im Supermarkt. Einkaufen trotzdem erlaubt. Die Mitarbeiter laufen mit Taschenlampen herum, nicht, um uns beim eventuellen Diebstahl zu erwischen, sondern um uns die Regale zu beleuchten. Sie geben uns sogar ihre Taschenlampen, damit wir komfortabler einkaufen können. Freundlichkeit ist hier Gesetz. Trifft man zufällig auf menschliche Wesen, so sind diese wirklich unglaublich nett. Mehrmals sind wir getrampt, schon das erste Auto hielt an, oder auf der Suche nach einem Laden für Batterien strandeten wir in einer Autovermietung und wurden prompt von der freundlichen Mitarbeiterin, die gerade Mittagspause machen wollte, in ihrem schicken roten Sportwagen mitgenommen. Das Radio präsentiert Songs über Nächstenliebe und der Liebe zu Gott. Eine grosse Baptistenkirche steht direkt hinter dem Marktplatz. Doch wieweit ist es hier wirklich her mit der überall gepredigten Nächstenliebe? Als eines Morgens ganz offensichtlich ein Flüchtlingsboot an uns vorbei segelt, es ist eher ein Floss mit Segeln, als Boot, wird auf den Funkspruch unserer Freunde von der MUOZA seitens der Küstenwache garnicht reagiert und die vielen Tauchboote antworten knapp, ja, das wären eben Kubaner, so ist das nun mal. Und nun segelt diese Nussschale weiter dahin. Im Nachhinein erfuhren wir jedoch, dass dieses Boot dann in Grand Cayman, der Hauptinsel, gerettet wurde, es drohte auseinander zu fallen und die Flüchtlinge wollten eigentlich weiter bis Honduras. Bei den vorherrschenden Wetterbedingungen wäre dies der garantierte Tod gewesen.

Gemeinsam mit unseren Freunden von der MUOZA machen wir einen Sonntagsspaziergang über die menschenleere Insel. Es gibt einen öffentlichen Park, welcher vom Rotary Club finanziert wurde. Er wird scheinbar hauptsächlich von Autokids dafür genutzt, um einmal querdurch zu brettern, mit angezogener Handbremse um die Kurve zu schliddern, ansonsten wirkt er trist und verwahrlost. Weiter geht es an dem kleinen Inselflughafen vorbei wieder Richtung Wasser. Wir sehen ein villenartiges Haus, welches mit vielen Luftballonen geschmückt ist. Im riesigen Garten hängt ein überdimensionales Schild: Happy Birthday, Richard. Drei Kinder scheinen auf der sauber gestutzten Rasenfläche zu spielen. Wir rufen ein freundliches: „Happy birthday, Richard!“ hinüber und Richard wirkt etwas verstört. Strassenschilder weisen auf erhöhten Leguanverkehr hin, doch auch die zeigen sich nicht.

Des nächtens unterhält uns vor allem der Herr von der Lotsenstation auf dem Seefunk. Immer wieder versucht er, die vorbeifahrenden Frachter näher an die Insel zu locken. Dazu sollen sie all ihre Lichter anschalten und zehnmal hupen. Alles zu Ehren irgendeines Scotts, der gerade gestorben und irgendwann mal zur See gefahren ist. Es ist immer das gleiche Spiel, die ahnungslosen Frachterkapitäne sind zunächst freundlich, manche gehen sogar darauf ein und schalten ihre komplette Beleuchtung an. Dann werden die Forderungen immer absurder und die Kapitäne immer genervter. „Fahren sie bitte auf eine halbe Meile an die Insel heran und hupen“ „So jetzt bitte nochmal auf- und abfahren und nochmal hupen“. Irgendwann wird es dann auch dem freundlichsten Frachterkapitän zu bunt und er verweigert jede weitere Kooperation. Sind das hier grosse Kinder, die einfach nur spielen wollen? Wir wissen es nicht.

Wir geben der Insel noch ein Chance und mieten ein Auto. Landschaftlich hat die Insel dann doch Einiges zu bieten, aber wo sind die Menschen, wo spielt sich das Leben ab? Doch auf einmal haben wir eine völlig unerwartete Begegnung. Wir bemerken ein Haus voller schräger Skulpturen aus dem laut „Led Zeppelin“ dröhnt. Wir sehen uns das Ganze näher an und stossen auf „Foots“, einen überzeugtem Hippie und Künstler, den es vor dreissig Jahren auf die Insel verschlagen hat. Er lädt uns sofort ein und zeigt uns all seine Schätze. Sein Haus liegt traumhaft schön direkt am Meer und ist ein einziges Kunstwerk. Doch was hat ihn auf diese Insel verschlagen? Ihm scheint es zu gefallen. Sichtlich amüsiert zeigt er uns Bilder von einer gewaltigen, ziemlich satanistischen, Skulptur, die er in einem Happening verbrannt hat und damit die Bevölkerung der Insel ziemlich auf die Palme gebracht hat.

Alles in allem sind wir nun froh, diesem skurrilen Eiland entkommen zu sein und geniessen unsere Zeit im lebendigen Providencia, einer kleinen kolumbianischen Insel, 500 Meilen vom Mutterland entfernt. Jetzt heisst es erstmal entspannen, geniessen und mal wieder auf ein günstiges Wetterfenster für die letzten 250 Meilen Richtung Panama warten.