Lange war es ruhig um uns, aber das lag weniger an uns als an der Natur, die uns umgibt. Wetterfenster und Nordwind sind das neue Gesprächsthema Nummer 1, denn der in den Handbücher so verheissungsvoll beschriebene „portugiesische Norder“, der hier so beständig die Küste entlang blasen soll, ist etwas bockig und lugt nur mal ab und zu für ein paar Stunden oder mal nen Tag um die Ecke. Sind wir zuvor doch in einem ordentlichen Tempo gen Spanien gesaust, heisst es  jetzt immer wieder warten. Bis der Wind dreht, der Sturm abflaut, sich der Regen verzieht… Doch wir nehmen´s gelassen, Zeit zum entschleunigen! Das ist eben Segeln, wir fahren mit der Natur und die macht nunmal was sie will und bei Temperaturen um die 20 Grad gibt’s keinen Grund zu meckern! In Portosin hingen wir knapp 2 Wochen fest, aber wir waren nicht alleine. Neben der deutschen „Julie“, wartete der französische Katamaran „Flor de Sel“ und die schwedische  „Nitassinan“ auf den Norder. Abends wurden gemeinsam die verschiedenen Bordgrills angeworfen, so einige Flaschen geköpft und vom warmen Süden und der Karibik geträumt. Sehr zur Stimmungsaufhellung trug auch der 50 Jahre alte (!!!) selbstgebrannte Calvados der Franzosen bei. Eigentlich leben Isabelle und Piere mit ihren Kindern Romane und Julia auf La Reunion, aber vor ihrer Abreise in Nordfrankreich besuchten sie noch ihre Familien. Zeit genug für den Onkel ihre zwei Bilgen mit dem edlen Gesöff zu füllen. Die beiden haben sich ihren Feierabend auch richtig verdient, müssen sie doch täglich mehrere Stunden den Schulunterricht für ihre Kinder machen. Englisch, Spanisch, Bio, Mathe, Latein…das volle Programm. Die französische Regierung hat da wohl ziemlich strenge Vorgaben. Während wir morgens noch gemütlich den Calvados verdauten, schwitzte die Familie schon wieder über ihren Tests.

Dann drehte der Wind und wir waren die Ersten, die unter wildem Gewinke die Leinen loswarfen. Doch während wir noch aus der Ria de Muros gen Atlantik motorten, fing des Smutjes alte Dame auf einmal an zu husten und schlief dann völlig ein. Luft im Kraftstoffsystem….Hmmm? Also Segel raus und zurück in die Marina, auf dem Weg kopfüber und im Wellengang den Motor entlüften, um wenigstens ein bisschen Motorkraft zum Anlegen zu haben. Das klappte dann auch ganz gut und während der Smutje mal wieder den Tag im Dieseldunst der Motorbilge verbrachte, Schläuche, Filter und Dichtungen kontrollierte, machte sich nach und nach ein Schiff nach dem anderen auf dem Weg gen Süden. Diesmal waren wir am Winken, tja. Am Abend hatte der Smutje die alte Dame dann aber gesund gepflegt und sie schnurrte wieder zufrieden vor sich hin. Wir drehten eine Proberunde durch die Ria und schmissen den Anker im Sonnenuntergang. Im Morgengrauen ging es dann endlich weiter. Mit kurzem Stop in Bayona erreichten wir dann bei strahlendem Sonnenschein Viana do Castelo in Portugal. Nach zwei Nächten in der schönen Stadt ging es dann weiter Richtung Porto, wo am nächsten Tag des Smutjes Eltern einfliegen sollten. Der Wind war mal wieder eingeschlafen und so musste der Motor ran. Eine heikle Sache, denn  hier vor Portugal und Spanien schwimmt unglaublich viel Müll im Wasser. Alte Taue, Netze usw. dazu aktive Reusen und Netze, die teilweise nur mit einem alten Kanister oder Styroporrest markiert sind. Gift für Schiffsschrauben. Wir gingen verschärft Ausguck, doch während eines kurzen Blicks in die Karte: Rums und Vollbremsung… Also wieder Motor aus, Taucherbrille auf und ein Tau von der Schraube säbeln. Diesmal war es der alten Dame dann auch zuviel, beleidigt tanzte sie wie wild im Motorraum umher…nicht gut. Glücklicherweise war mittlerweile etwas Wind aufgekommen, so dass wir unter voller Beseglung in den nächsten Hafen Povoa de Varzim schleichen konnten. Wir hatten Glück im Unglück, denn in Varzim gibt es einen Superkran, zwei Schiffswerkstätten und so einige Fahrtensegler die hier ihre Boote auf Vordermann bringen. Ein kurzer Blick eines Mechanikers und die Sache war klar: das Boot muss raus. Schraube verzogen und drei der sechs Gummiverbinder an der Flansch (das Teil, welches den Motor mit der Welle verbindet) gerissen. Aus der geplanten Ein-Tages-Aktion wurden zehn Tage Leben im aufgebockten Boot. Erst warten auf Ersatzteile, dann warten, dass sich der Sturm verzieht der das Hafenbecken in eine wilde Waschküche verwandelt. Doch was soll´s: wir genossen die Zeit an Land. Zuerst verbringen wir eine wunderbare Woche mit Smutjes Eltern, die mit Ersatzteilen, Haarspülungen, Kastanien und dem besten Kaffee der Welt  gefüllten Koffern anreisen. Schlendern zwei Tage durch die Gassen des schönen Portos, besichtigen die alten Städte Braga und Guimarães, fahren mit einer Gondel durch die Kanäle von Aveiro und futtern uns durch die verschiedenen Köstlichkeiten Nordportugals. Nebenbei nutzen wir die Zeit an Land, um unser Zuhause ein bisschen zu aufzuhübschen. Hier und da ein Tupfer Farbe, Rost klopfen, Antifouling ausbessern, Dichtungen im Wasserhahn erneuern usw.

Die Capitana ist extrafleissig und absolviert nebenbei noch ihren nächsten Test für die „Deutsch als Fremdsprache“- Ausbildung. Nach einer schönen Woche verlassen uns Smutjes Eltern wieder. Das Wetter ist immernoch mies und so setzen wir uns kurzerhand in den Zug nach Coimbra. Eine gute Entscheidung. Coimbra zeigt uns nochmal ein anderes Gesicht von Portugal. Sind die Küstenorte saisonbedingt oft eingeschlafen, tobt hier das Leben. Coimbra ist Studentenstadt und die feiern grad den Unibeginn in einer einwöchigen Party. In den engen Gassen und Cafes tummeln sich die Menschen! In einer Seitenstrasse entdecken wir Berlin-Friedrichshain in Kleinformat: bunte besetzte Häuser, Hausprojekte, Street-Art. Nach zwei Tagen kehren wir zurück, denn irgendwie habe wir unsere „Inti“ vermisst und gemerkt, dass drei Meter Decke über dem Kopf garnicht mehr nötig sind. Am nächsten Tag geht’s endlich ins Wasser! Das Boot schaukelt uns wieder wie gewohnt in den Schlaf und der Südwind pfeift mit bis zu Windstärke 8 in den Wanten. Jetzt heisst es wieder warten auf den Norder und dann ab nach Süden!