Langsam wird es grauer im schillernden Farbenspiel von Kuna Yala. Die Regenzeit hat begonnen und mehr und mehr Wolken verhängen das sonst so strahlende Blau. Regelmässig prasseln sturzbachähnliche Regenschauer auf uns nieder, durchzucken die Blitze der Gewitterschauer den Himmel, wechseln sich stürmische Böen mit drückender Flaute ab. Auch das hat seinen ganz eigenen Reiz. Kommt doch einmal die Sonne durch, erstrahlen die Berge des Festlandes in ungewohnter Schärfe und die Wellen an den Riffen sind eher gemächlich, so dass wir auch einmal die äusseren Riffseiten abschnorcheln können. Dennoch zieht es uns langsam aber sicher weiter, wir sehnen uns nach Aufbruchstimmung, mal wieder einen längeren Segelschlag und dem frischeren Klima des Pazifiks.

Doch wie so häufig kommt es in diesen Momenten mal wieder anders als erwartet. Eigentlich wollen wir nur kurz einen Blick auf die eher traditionellen Islas Robeson werfen, doch die einzigartige Atmosphäre dieser Inseln schlägt uns gleich in ihren Bann. Schon als wir unseren Weg durch die dicht besiedelten kleinen Inselchen bahnen werden wir freudig winkend und rufend begrüsst. Sobald sich unser Anker vor einer der Insel eingegraben hat, sind wir auch schon umzingelt von segelnden und paddelnden Einbäumen. Jungs drehen ihre Runden in den bunt besegelten Kanus, genau beobachtet von den jungen Mädchen in ihren Paddelbooten. Männer kommen beladen mit Mangos, Avocados, Yucca und Bananenstauden zurück von ihren Feldern an den Ufern der Flüsse, die hier in die Bucht münden. Ein Boot, vollbesetzt mit älteren Damen in der traditionellen Kunatracht, macht sich auf dem Weg zu der allabendlichen Versammlung auf der Hauptinsel. Kinder springen grölend und Faxen machend von einem Einbaum. Eingerahmt wird das ganze von der Geräuschkulisse der kleinen, dicht mit Hütten bebauten Inseln. Keine Autos oder Maschinengeräusche, aber eine unglaubliche Mischung aus dem freudigen Gebrabbel ihrer Bewohner, hier und da unterbrochen von mantraähnlichen Gesängen, begleitet vom langsamen Takt einer Rassel, dem scheppernden Läuten einer kleinen Kirchenglocke oder dem Knattern der wenigen Aussenbordmotoren, die es hier gibt. Nur das Gejohle der spielenden Kinder erinnert uns an Zuhause, diese Sprache scheint international zu sein. Egal, ob auf einer kleinen Insel weit ab von der modernen Welt oder auf einem überfüllten Berliner Spielplatz.

Wir sitzen in unserem Cockpit und können uns kaum sattsehen und hören. Es macht einfach nur Spass, das bunte Leben hier zu beobachten und wir haben das Gefühl, unseren Anker mitten auf einem Dorfplatz geschmissen zu haben. Wir überlegen kurz, ob wir den Bewohnern vielleicht etwas zu nah auf die Pelle gerückt sind, aber ihre freundlichen Grüsse nehmen uns schnell jeden Zweifel. So dauert es auch nicht lang, bis wir die ersten Besuche bekommen. Wir vernehmen ein „Bäehhrr-lii-nnh“ hinter unserem Boot und entdecken einen kleinen Jungen mit zwei Mädchen in einem Kanu, der ihnen mit stolzgeschwellter Brust unseren Heimathafen vorliest. Als sie uns entdecken brechen sie in etwas verschämtes Gekicher aus und paddeln davon. Hier und da bekommen wir für kleines Geld ein paar frisch geerntete Früchte oder Avocados angeboten. Die Jugendlichen und Männer kommen auf einen kleinen Schnack vorbeigepaddelt, tauschen Namen, Informationen und Alltägliches mit uns aus und heissen uns Willkommen. Überhaupt fühlen wir uns sehr willkommen. Kaum haben wir den Fuss auf eine der Inseln gesetzt, werden wir von Silberio begrüsst, der im lokalen Mini-Tante-Emmaladen arbeitet. Der Laden wird kurzerhand abgeschlossen und uns die Insel gezeigt. Wir sehen die Schule und die Häuser für die Versammlungen des Congreso und die Chichazeremonien. Der Congreso ist eine fast abendliche Versammlung in der der Saila, das spirituelle und auch sonstige Oberhaupt der Dorfmeinschaft, mit den Bewohnern zusammenkommt. Die Chichazeremonien sind aus verschiedenen Anlässen stattfindende Feiern, bei denen traditionell Chicha, ein bei den Kunas aus fermentiertem Zuckerrohr, Kaffee und anderen Gewürzen gebrautes alkoholisches Getränk, getrunken wird. Wir gehen weiter und erfahren, wo wir Brot bekommen und werden der Lehrerin und dem Saila vorgestellt. Der alte barfüssige Herr in Krawatte, Hut und einem unglaublich durchdringendem Blick interessiert sich allerdings weniger für uns als für die monatliche Gebühr von sieben Dollar, die wir für das Ankern vor seiner Insel zu entrichten haben. Als er erfährt, dass wir schon brav an seinen Assistenten gezahlt haben ist er auch schon verschwunden. Schade, aber wir haben schon gehört, dass viele alte Sailas Fremden eher skeptisch gegenüber stehen. Auf dem Weg durchs Dorf erzählt uns Silberio, dass er ein paar Jahre in Panama-Stadt zur Schule gegangen ist, jetzt aber mit seinen 22 Jahren lieber wieder in seinem Dorf auf der Insel lebt. Klar, das Leben ist einfach hier sagt er, meist teilt sich eine ganze Familie nur eine Hütte, es gibt kaum Verdienstmöglichkeiten und so muss grösstenteils auf den Tisch was das Meer oder das Feld in den Bergen hergibt, Strom ist rar und Konsum- oder Luxusgüter gibt es kaum. Aaaaber „la vida es mucho mas traquilo“, das Leben ist viel, viel entspannter in Kuna-Yala. Wir verstehen ihn gut, entdecken wir doch so einige Parallelen darin zu unserer Entscheidung, auf einem Boot zu leben. Wir erfahren allerdings auch die Schwierigkeiten Kuna Yalas von den Bewohnern. Viele Jugendliche verlassen die Inseln, haben keine Lust mehr auf das traditionelle Leben, zu fischen oder Felder zu bestellen, wollen lieber Geld verdienen und in der Stadt leben. Es fehlt an vielem, an Mitteln für die Schule oder Benzin für das Schulboot. Wetter und Naturgewalten können hart erwirtschaftetes schlagartig zerstören.

Auch uns erwischt es eines Morgens unvorbereitet. Innerhalb kürzester Zeit verdunkelt sich der Himmel und der Wind geht hoch auf 45 Knoten. Windstärke 9, Sturm! Einer der in San Blas so berüchtigten Ministürme ist aufgezogen. Manche nennen sie „Culo de Pollo“ Hühnerarschloch, da sie die Federn von den Hinterteilen der Hühner wehen. Um uns herum bricht die Hölle los. Schaumkronen, peitschender Regen und steigende Wellen. Die INTI ruckelt wie wild an ihrer Ankerkette. Der Anker hält, doch die unübliche Windrichtung dreht uns auf ein Flach und die Wellentäler verringern die Wassertiefe schlagartig. Rums- wir setzen zweimal auf dem glücklicherweise sandigen Boden auf. Mit Hilfe des Motors gelingt es uns, unser kostbares Zuhause gegen den Wind in tieferes Gewässer zu manövrieren und da ist der Spuk auch schon wieder vorbei. Glück gehabt! Am Abend erfahren wir, dass das Dach der Schule einen dicken Riss davongetragen hat, ansonsten ist glücklicherweise nichts passiert.

Auf der Nachbarinsel lernen wir Armando kennen. Seine Familie bewoht ein paar der Hütten auf der Insel direkt vor uns. Er hat einen schönen schattigen Innenhof auf seinem kleinen Stück Land, in dem es sich entspannt plaudern lässt. Nachmittags kommt er gern mal auf ein Bierchen bei uns vorbei, denn auf der Insel ist Alkohol nur während der Chichazeremonien erlaubt. Auch er ist eine Zeit in Panama-Stadt zur Schule gegangen und spricht sehr gut Spanisch, was für die Kuna ja eine Fremdsprache ist. Jetzt bringt er den älteren, die noch vor dem Schulbau aufgewachsen sind, die wichtigsten Wörter und Zahlen bei. Er beherbergt auch das Ärzteteam, das allmonatlich zum Gesundheitscheck vorbei kommt und besitzt zwei Segelkanus, mit denen die Kinder üben können, wenn er sie nicht zum Fischen braucht. Da seine Segel schon ziemlich die Flügel hängen lassen, beschliessen wir, ihm ein altes Segel von uns zu überlassen, aus dem er neue für die Kanus nähen kann. Auch von ihm erfahren wir viel über die Kunakultur. Er zum Beispiel kümmert sich mit voller Hingabe um das Wohlergehen seiner Familie. Zuhause, in finanziellen Dingen und bei administrativen, die Insel betreffenden Aufgaben hat er allerdings nichts zu melden. Da schwingt, wie bei den Kuna üblich, seine Frau das Zepter. Eines Mittags nimmt er uns mit auf seine „Finca“, seine Plantage in den Bergen. Zusammen in unserem Dingi fahren wir einen engen Dschungelfluss hinauf und schlagen uns dann auf einem Trampelpfad durch den dichten Urwald. Wir erreichen seinen Garten voller Mango, Limetten, Papaya und Cashewbäumen. Drumherum gedeihen Yucca, Ananas, Kaffee und Yams. Auf einem Hügel machen wir Picknick unter einem Cashewbaum und geniessen die Aussicht über die Bucht mit ihren kleinen Inseldörfern.

Und so gehen mal wieder die Tage dahin. Mittlerweile kennt uns das ganze Dorf und wir hören immer wieder unser Namen aus den Hütten und von den vorbeifahrenden Kanus. Begleitet von einem freundlichem „Hallo“ der Erwachsenen oder einem verschmitzten Kichern der Kinder. Als wir beschliessen unseren Anker zu lichten, werden wir von allen Seiten verabschiedet und immer wieder gefragt wann wir denn wiederkommen. Wir werden sehen, wohin uns die Winde treiben und ob es uns nocheinmal hierhin verschlagen wird, aber diese kleinen Dörfer abseits der modernen Welt werden auf jeden Fall immer in unserem Herzen bleiben.

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