Nein, Smutje und Capitana sind noch nicht in der Südsee angekommen und tanzen Hula Hula. Nachdem sie nochmal drei Monate in Panama draufgelegt haben, neigt sich INTIs Bug nun aber doch endlich Richtung Kanal. Gestern waren wir beim Hafenkäptn (oder besser gesagt einer sehr netten Hafencapitana) in Colon und haben die Vermessung der INTI beantragt. Am 11.10. wird sie ausgemessen, bekommt alle Papiere und die erforderliche Nummer, um den Transit durch den Kanal zu beantragen. Dann sollten sich ein paar Tage später die Schleusentore Richtung Pazifik öffnen, spannend!

Die Passage sollte ja eigentlich Mitte Juli stattfinden, doch gab es auf einmal so viel zu tun, sowohl an INTI als auch die Möglichkeit, parallel an Land ein paar Dollar zu verdienen. Also wieder in den bekannten Pacman-Modus und schnappschnappschnapp abarbeiten. Und was alles geschafft wurde! INTI strahlt im rostfreien, mangolassifarbenen Gewand in der Abendsonne in der Linton Bay. Der Rost wurde nach und nach abgeschliffen, Epoxiprimer aufgetragen, Sonnentage abgewartet, um dann mit einer neuen, hoffentlich lang haltbaren Farbe übergestrichen zu werden. Die alten Tretmastermatten an Deck, unter denen sich auch gerne der Rost bildete, wurden ebenfalls übergestrichen und leuchten jetzt in einem sehr hellen Blau und werden bei starker Sonne nicht mehr so heiss, dass es eine reine Wohltat für die Fusssohlen ist. Als Antirutsch wurde uns Zucker empfohlen, so strich Capitana mit Farbe vor und Smutje lief mit dem Zuckerstreuer hinterher, um INTI gehörig zu versüssen. Mit Regen lösen sich die Zuckerkristalle auf und es bleiben nur die kleinen Krater, die ein Ausrutschen verhindern. Aber auch sonst hat sich einiges verändert. Die Befestigung für ein zweites Vorstag wurde an Deck angeschweisst und Smutje lässt sich etliche Male in den Mast hieven, um Löcher in den Mast zu bohren um die obere Befestigung zu installieren. Momentan fehlt noch das Stahlseil, um das Ganze zu komplettieren. Bei unserem netten französischen Nachbarn, der Segel und Persennings mit seiner Nähmaschine repariert, verpassen wir unserer Sprayhood neue Reissverschlüsse, denn die alten sind mit der salzigen Luft und der starken Sonneneinstrahlung morsch geworden. Smutje schweisst in der Motorenwerkstatt einen neuen Inox-Fuss für unseren Cockpittisch, denn der alte löste sich auch schon auf. Nebenbei hilft Smutje unserem Motormann beim Erstellen einer Website, macht Fotos der Artikel in seinem Segelzubehörshop und bastelt in Feinarbeit im Internet herum.

Wir verbringen viele Tage in Colon, um Ersatzteile zu besorgen oder Proviant einzukaufen. Colon, die Stadt, die von ihrem Ruf als Kanaleinfahrt auf der Atlantikseite lebt. Die aber auch einen furchtbar schlechten Ruf als kriminelle und verruchte Stadt innehat. Dies können wir kaum bestätigen, jedes Mal sind wir umgeben von unglaublich hilfsbereiten Menschen und fühlen uns hier nicht unwohl. Ein Mal wollen wir mit Freunden auf den hiesigen Obst- und Gemüsemarkt gehen und schon sind wir umringt von Polizisten auf Fahrrädern, die uns Geleit durch den Markt geben wollen, da es dort so gefährlich ist. Wir winken freundlich ab und erledigen unsere Einkäufe unbehelligt in der etwas finsteren Markthalle. Natürlich nagt an dieser Stadt der Zahn der Zeit. Schlimmer als in Havanna verfaulen die Kolonialhäuser, die salzige und kohlenmonoxidhaltige Luft hat viele der schönen alten Häuser einfach aufgefressen, traurig gammeln sie vor sich hin, überzogen von einer moosigen, grauen Patina.

Dann müssen wir das Land verlassen, da unser Visum nun, nach einem Jahr in Panama, ausläuft. Und so buchen wir einen Billigflieger und lassen uns ins benachbarte Kolumbien bringen. Uns erwartet die Stadt des ewigen Frühlings, Medellin! Schnell ist die salzige, feuchte Karibikluft abgeschüttelt und weicht dem Klima der über 1500 Meter hoch gelegenen Stadt. Quirlig, voller Musik und Energie empfängt sie uns, wir kommen aus dem Staunen über die Menschen und die Kultur, die uns hier begegnet, nicht mehr heraus. Liegt doch das eher träge Panama gleich nebenan, weht hier ein ganz anderer Wind. Natürlich ist diese Stadt vor allem geprägt durch die Zeit des Medellin-Drogenkartells. Dies erfahren wir in besonderer Emotionalität, als wir eine spezielle Pablo-Escobar Führung durch die Stadt unternehmen. Veranstaltet von jungen Menschen, die stark in diese Geschichte involviert sind. Neben der Fröhlich- und Freundlichkeit der Menschen hier erfahren wir viel über den dunklen Mantel dieser Ära, der sich noch immer über diese Stadt legt. Wir fahren zu Stätten des Wirkens von Pablo Escobar, seinen weissen Villen mit den grossen Satelitenschüsseln, den Orten der zahlreichen Bombenanschläge mit unzähligen unschuldigen Opfern und erfahren eine Menge über die nationalen und internationalen Verstrickungen seines Kartells. Am Ende befinden wir uns an seinem Grab, still und betroffen umrunden wir diese Stätte, während eine kolumbianische Reisegruppe den Grabstein küsst und Blumen niederlegt. Ein Mensch, der wahrlich polarisiert.
Von einer Seilbahn, die an das öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen ist, lassen wir uns in die Berge um Medellin bringen, erst geht es über die Favelas hinaus und weiter eine lange Strecke durch den Dschungel bis wir in sehr luftiger Höhe ankommen. Hier gehen wir eine Runde spazieren, bis uns die Luft ausgeht. Doch hier oben herrscht ein munteres Treiben und wir laben uns an saftigen Erdbeeren und beobachten die Touristen, die hier täglich hinaufgehievt werden. Weiter geht es zu unserer nächsten Tour. Mit dem Bus fahren wir in die Umgebung von Guatapé, wir beklettern einen Meteoriten (es gibt mehrere Theorien zu diesem einsamen Felsklotz hier in der Landschaft), um uns an der wunderbaren Aussicht auf eine riesige Stauseenlandschaft zu belohnen. Diese Seen befahren wir mit einem Ausflugsschiff, trotz strömenden Regens wird hier zu dröhnender Cumbia getanzt und wir bekommen den ein oder anderen Aguardiente ausgegeben, plaudern mit den kolumbianischen Ausflüglern und erzählen unsere Geschichte. Am Ende landen wir in dem buntbemalten Städtchen Guatapé, jedes Haus ziert den Inhalt, bzw. die Profession seiner Bewohner in leuchtenden Farben. Hier gibt es wunderbaren kolumbianischen Kaffee zu trinken und es lässt sich gemütlich flanieren. Zurück in Medellin gönnen wir uns die grossen Menschen und Tiere vom Künstler Fernando Botero, Bronzeplastiken in unglaublichen Dimensionen! Zwischendurch kehren wir immer wieder in die rustikalen Restaurants ein, hier gibt es sehr gutes Essen zu ebenso guten Preisen. Wir sind begeistert von dieser Stadt und werden ganz sicher noch einmal hierher kommen um auch sonst mehr von Kolumbien zu sehen. Providencia, vor der Küste Nicaraguas, zeigte uns schon seine lebendige Seite, kaum vergleichbar mit dem Festland, da hauptsächlich Englisch gesprochen wird, aber die vielen anderen Gesichter Kolumbiens wollen wir doch noch mal kennenlernen.

Zurück geht es zur INTI, wir gönnen uns noch zwei Wochen San Blas und sind mittlerweile mental schon fast im Pazifik. Allerdings muss die Passage durch den Kanal noch gebucht werden, zuvor muss INTI in Colon vermessen werden und die dicken Fender und Leinen für die Kanaldurchfahrt besorgt werden. INTIs Bauch muss mit Lebensmitteln gefüllt werden, denn im Pazifik wird’s teurer. Ein Baum muss geschweisst werden und die Segel für das zweite Vorstag mit Stagreitern ausgestattet werden. Ein dickes Paket aus Bremen von SVB mit etlichen Ersatzteilen hat uns schon erreicht und wir geniessen die stickige Regenzeit mit neuen Ventilatoren an Bord. Letzter Schimmel muss eliminiert werden, Wäsche gewaschen, Kissen mit Molas genäht werden und und und. Einige Gläser Gulasch und Bolognese sind eingekocht, falls auf der langen Tour zur Osterinsel der Fleischhunger die Crew überwältigen sollte. Dann gehts ans Eingemachte. Wie demnächst. Endlich den Ozean wechseln, nach drei Jahren und drei Monaten auf See.

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