Wie man geniessen kann, wenn man weiss, dass man geht, man müsste ständig geh´n, das müsste ständig geh´n. Wie man geniessen kann, wenn man weiss, dass man geht, so dass man anfängt, alles anders zu seh´n. Clueso „Müsste Gehen“

Vor ein paar Tagen war unser fünfter Hochzeitstag – nee, nicht wirklich. Es war der erste, aber eine alte Seglerweisheit besagt: Ein Jahr als Paar auf dem Boot ist wie fünf Jahre an Land. Wieso? Hängt der Haussegen mal schief, gibt es kein Entkommen aus der kleinen Kapsel. Keine Fluchtpinte mit Kumpels, keine Tür zum knallen, keine Hobbykeller zum verkriechen. Da geht nur Wellen anstarren und durchhalten oder Ohren zuhalten und Lieder singen. Klar gäbe es noch das Beiboot mit der langen Leine oder die Stufen den Mast hoch.  Man könnte sich auch in unserem Minibad verbarrikadieren und schmollen, aber wer will das schon. Oft wurden wir vor unserer Reise dezent von einem Freund oder Freundin beiseite genommen und gefragt: „Zusammen auf so engem Raum, meint ihr das geht gut? Das könnte ich mir nicht vorstellen!“ Unser Fazit der ersten Monate: Alles Seemannsgarn! Neunzig Prozent der Boote die wir getroffen haben sind Familien oder Paare und die meisten machen einen ziemlich harmonischen Eindruck. Klar gab es die Momente, wo jedem mal Bilder vom Kielholen oder der Machete in der Backskiste vor dem inneren Auge vorbei schwebten. Auch wurde definitiv schon der eine oder andere Fisch oder freundlich grinsende Delfin zu Unrecht angebrüllt, aber alles in allem scheint so ein Bootsleben einer Beziehung eher gut zu tun. Nicht zuletzt schult man permanent  das Vertrauen und das Sich-Hundert-Prozent-Auf-Den-Anderen-Zu-Verlassen. Beispielsweise, wenn man friedlich in seiner Freiwache schlummert während der andere das Boot über den wilden Ozean schippert. Nicht, dass wir das nicht vorher schon konnten, aber der eine oder andere Manager legte schon für so eine Erfahrung einen grossen Stapel Scheine auf die Tische diverser Psychologen. Lange Rede, kurzer Sinn, unser „just married“ Schild hängt immernoch stolz und unzersägt am Heck und es kann weitergehen!

Ja, weitergehen… Eigentlich wollten wir in Praia ja nur kurz proviantieren und dann los über den Atlantik, aber jetzt sind wir schon wieder über zwei Wochen hier. Entgegen aller Horrorgeschichten von Kriminalität und Hässlichkeit, die die Inselnachbarn gerne mal über die Hauptstadt erzählen, gefällt es uns hier eigentlich ziemlich gut. Nebenbei bemerkt ist die Hauptstadt der Kapverden auch kaum grösser und weniger bevölkert als der Stadtteil Neukölln in good old Berlin. Es geht urbaner und unpersönlicher zu, auch gibt es deutlich mehr Müll und Leute die versuchen auf verschiedenste Art und Weise uns ein paar Escudos abzuluchsen, aber besonders kriminell und beängstigend haben wir es hier noch nicht empfunden. Lediglich ein kurzes „oh-oh“ durchzuckte neulich unsere Gedanken, als wir auf der Suche nach Wasser mit einem kapverdischen Surfer im Auto durch die favelaähnlichen Bauten am Hang hochfuhren. Letztendlich landete die Capitana aber mit Oma und dem Familienalbum auf einem Sofa, während der Smutje mit den Onkels und Brüdern die Wasserkanister füllte. Munter gings wieder bergab mit 130 Liter wertvollem Süsswasser im Gepäck. Die Stadt hat im Vergleich zu den anderen Inseln einiges mehr zu bieten. Der quirlige Gemüsemarkt ist  perfekt, um sich für den grossen Schlag einzudecken und auch die Supermärkte haben deutlich vollere Regale als sonst auf den Kapverden. Der bunte afrikanische Markt lädt zum Schlendern ein und in den diversen Fressbuden am Rand bekommt man ein reichhaltiges Mittagessen für umgerechnet 1-2 Euro. Auch Musik gibt es viel in der Stadt, letzte Woche fanden gleich zwei internationale Musikfestivals statt.

Nicht zuletzt sind wir aber immernoch hier, weil die Seglerfamilie unten in der Ankerbucht uns mal wieder fest im Griff hat. Eine nette Gemeinschaft schaukelt hier am Haken und die Beiboote sausen hin und her zu verschiedenen Treffen und Basteleien. Als erstes treffen wir Claudia und Michael von der KASSIOPEIA,  deren Blog wir schon vor unserem Start mit viel Spass gelesen haben. Dann läuft die berliner PLANITZER mit Götz, Kiri und ihren beiden Töchtern ein. Auch von ihnen hatten wir schon viel gehört, da sie ihr Boot auch am Teltowkanal in Berlin für die Reise flott gemacht haben. Klein ist doch die Seglerwelt! Wir kochen oder sitzen mal hier und dort. An Smutjes Geburtstag verwandelt sich unser Boot zu einem wahren Dingisteg und wir geniessen gleich vier selbstgebackene Kuchen. Zusammen mit Götz und seiner Nähmaschine bastelt Smutje aus einer alten Persenning endlich die heissersehnten Leesegel (Für den Nichtsegler: das ist ein Schutz, den man vor die Betten spannen kann, um bei Wellengang nicht rauszufliegen) und mit ein bisschen Holz und ungenutzten Niroteilchen kombinieren wir den elektrischen Autopiloten mit der Kraft der Windsteueranlage. Das spart Strom und schont den kleinen Elektromotor. Nach einigem Hin und Her schaffen wir es auch, einen Tankwagen mit Wasser zu organisieren. Wir verlegen die INTI an den Tanksteg und da man nur 1000 Liter abnehmen kann, kommt die halbe Ankerbucht gleich mit. Alles an Tanks, Kanistern und alten Wasserbuddeln wird gefüllt und die letzen Liter des wertvollen Nass kommen über den Kopf. Trinkwasser und Proviant sind auch gebunkert und es fehlt eigentlich nur noch ein bisschen Frischzeug und ein ordentlicher Tropfen für die Äquatortaufe. Dann kann es losgehen über den Atlantik!

Ja, ja der Atlantik… es ist schon interessant, wie sich die Wahrnehmung auf so einer Reise verändert. War die Atlantiküberquerung vor ein paar Monaten noch ein Riesenschritt in unseren Köpfen, der uns ein aufgeregtes  Kribbeln in der Magengegend bescherte, schrumpft sie jetzt auf eine ganz normale weitere Etappe zusammen. Die Fahrt hier runter ist einfach ein super Training. Zuerst durchquert man mit der Nordsee und der Biskaya zwei der anspruchsvollsten Segelreviere der Welt und kann schon mal eine gehörige Portion Segelerfahrung und Vertrauen in sein Boot tanken. Dann steigern sich langsam die Etappen. Biskaya 3-4 Tage, Kanaren vier Tage, Kapverden eine Woche,  da klingen zwei Wochen nach Brasilien nicht mehr so weit. Klar sind wir aufgeregt, aber das sind wir eigentlich vor jedem grösseren Törn. Gespannt auf Wind und Wetter und vor allen auf das, was uns am nächsten Ziel erwartet. Wir freuen uns auch, dass wir zusammen mit der KASSIOPEIA starten, so ist man nicht ganz so alleine. Meist verliert man sich ja recht schnell auf See, aber die beiden sind auch Amateurfunker und so können wir uns unterwegs ein bisschen austauschen und Quasseln. Gestern haben wir dann zusammen Nägel mit Köppen gemacht und schon mal ausklariert, denn die nächsten vier Tage haben die Behörden wegen Ostern zu. Ostersonntag soll laut den Wetterorakeln das Azorenhoch dann auch mal wieder auftauchen und dann heisst es: ANKER AUF!