Moskovich

Doch von Ausschlafen konnte keine Rede sein. Schon am nächsten Morgen stehen zwei nette Herren mit einer grossen Spraydose vor unserem Boot und holen uns aus der Koje. Wir wissen es nicht so genau, aber sie scheinen von der Moskito-Behörde zu sein. Auch sie sind wieder sehr freundlich, und wir plaudern über Kuba und alles Mögliche. Dabei füllen sie wieder etliche Papiere aus und klären uns über Dengue und andere von Moskitos übertragene Krankheiten auf. Gerade sind sie von Bord, kommt eine flotte Kubanerin, sie scheint von der Schädlingsbekämpfungsbehörde zu sein. Zunächst einmal bekommt Sie einen halben Herzinfarkt wegen Smutjes blauen Augen und dann geht es auch schon weiter unter viel Gelächter und Geschäker. Sie möchte wissen, ob wir Tierchen in unseren trockenen Lebensmitteln wie Reis oder Nudeln haben. Dummerweise zeigen wir ihr unseren Reis und siehe da: darin krabbeln kleine Insekten herum. Oh no! Sie fischt mit ihren manikürten Fingern die Tiere heraus und nimmt sie mit. Sie werden jetzt wohl darauf untersucht, ob sie in Kuba auch heimisch sind, sonst haben wir hier was eingeschleppt und wir hoffen, dass das nicht bedeutet, dass ein Kontaminationsteam auf unser Boot kommt, um dem Ungeziefer den Garaus zu machen. Bis jetzt bleibt es ruhig. Lediglich einer der Moskitomänner kommt am nächsten Morgen nochmal vorbei und schenkt uns eine Karte von Kuba, damit wir uns besser zurechtfinden. Also, raus aus der Marina und auf nach Santiago. Was leider garnicht so einfach ist, denn die Marina ist ca. 15 Kilometer entfernt. Mit einem jungen italienischen Segler, der alleine unterwegs ist, beschliessen wir deshalb, mit dem Taxi nach Santiago zu fahren. Der Fahrer holt uns ab, wir werden in einen kleinen Moskovich verfrachtet, ein vierzig Jahre altes russisches Auto, und los gehts. Erstmal brauchen wir Geld. So fährt er uns zu einem Hotel, welches auch Geld ausgibt. Doch die Provision ist zu hoch und wir borgen uns erstmal was von dem Italiener um auf dem Markt Frisches einzukaufen. Wir staunen nicht schlecht, denn anders als auf den kleinen Antillen ist der Markt hier sehr gut bestückt. Es gibt Ananas, Tomaten, Kartoffeln, Mangos, Papayas, Gurken, Auberginen, Guyabas und vieles mehr in Hülle und Fülle. Die Preise sind ausgeschrieben und sie sind niedrig! Ein Kilo Tomaten kostet umgerechnet 50 Cent! Wir sind happy! Gab es doch in Martinique fast nur eingeflogenes, gekühltes Gemüse und Obst und auf den anderen Inseln waren die Preise absurd hoch. Anschließend bringt uns unser Taxifahrer in ein Hotel, in welchem es Internet gibt. Die Preise sind horrende und so werden wir wahrscheinlich die nächsten zwei Monate schwer zu erreichen sein. Dann geht es in die City, wir schlendern herum, lassen uns in den Gassen treiben, essen hier und da etwas und genießen die entspannte Atmosphäre, denn Verkehr gibt es hier kaum?? Allerdings knattern etliche schöne alte MZ und andere museumsreife Motorräder, teilweise mit Beiwagen, durch die Gassen und lassen Smutjes Herz höher schlagen. Hier und da kreuzt uns auch mal einer der für Kuba so typischen alten amerikanischen Strassenkreuzer aus den 50ern, ansonsten russische Moskovich und ab und zu mal ein neues Auto. Unser Taxifahrer Noel ist ein echter Glücksgriff! Eigentlich dachten wir, dass die ziemlich teuren ca. 15 Euro für eine Fahrt in die Stadt und zurück wären, aber nein, alles in allem hat er uns mehrmals in der Stadt irgendwo abgesetzt und abgeholt, uns alles Mögliche erklärt und gezeigt und auf dem Rückweg fahren wir bei ihm zuhause vorbei, wo seine Frau unsere Einkäufe gekühlt und den Salat in frisches Wasser gestellt hat, während wir uns die Stadt angesehen haben! Noel wird uns die nächsten Tage immer wieder begegnen, denn er ist nicht nur der Taxifahrer der Marina und unglaublich freundlich und hilfsbereit, er ist auch Amateurfunkerkollege und ein technisches Genie. Da es in Santiago praktisch unmöglich ist an Ersatzteile zu kommen, wird schwer improvisiert und eigentlich alles irgendwie zurechtgebogen und repariert. Noel hat schon so einigen Seglern aus der Klemme geholfen und auch Smutje erklärt er bis ins Detail, wie er unsere Elektronikprobleme lösen kann. Smutje ist ja eigentlich auch recht fit in Elektronik, aber Noel ist einfach unglaublich und kennt vor allem etliche Tricks, wie man Sachen wieder in Gang bekommt, die man in anderen Teilen der Welt längst weggeworfen hätte. Leider ist es für Kubaner verboten ausländische Segelboote zu betreten und so müssen wir immer mal wieder ein Teil ausbauen, damit Noel es durchmessen kann. Am nächsten Tag lassen wir uns von einer kleinen Fähre auf die hier vorgelagerte Insel Cayo Granma bringen. Für uns ist es umsonst, da die Fähre zur Marina gehört. Schon am Anleger begegnen wir einem jungen Mann, Manuel, der uns über die Insel führt. Es ist interessant, denn er kann uns vieles berichten. Die Insel ist von dem Hurrikan ?Sandy? sehr in Mitleidenschaft gezogen worden, praktisch wurden 90% der Häuser schwer getroffen und die Schäden sind immernoch überall zu sehen. Ruinen stehen an der Küste und können mangels Material nicht wieder aufgebaut werden. Auch die kleine Grundschule hat es arg erwischt. Wir sprechen mit dem Lehrer, der auch schon Manuels Lehrer war und nun seinen Sohn unterrichtet. Er erzählt uns von den Schwierigkeiten, die Schule wieder herzurichten. Uns geht das ganz schön an die Nieren und wir spenden etwas für die Schule und hoffen, damit wenigstens etwas geholfen zu haben. Am Ende landen wir in einer Bar und trinken gemeinsam einen Mojito. Nebenbei geht es natürlich wieder darum, Rum oder Zigarren zu kaufen, oder andere Segler hierhin zu empfehlen, wir könnten dann umsonst essen usw. Wir wussten natürlich von Anfang an, dass Manuel uns die Insel nicht nur aus purer Freundlichkeit zeigt und hatten schon darauf gewartet, wann das erste Angebot oder die erste Forderung kommt. Dennoch war es ein sehr interessanter Rundgang und wir werden, obwohl wir klarmachen, dass wir kein Interesse an irgendwelchen Geschäftchen haben, zurück zur Fähre gebracht und mit einem freundlichen Handschlag verabschiedet. Mit gemischten Gefühlen verlassen wir die Insel und landen bei einem sehr netten italienischen Paar, das schon seit zwanzig Jahren auf dem Boot lebt, so langsam und tranquilo, dass sie es gerade mal von Italien bis hier geschafft haben. Der nächste Tag ist wieder bestimmt von unserem Batterieproblem, denn alle Versorgerbatterien hat der defekte Laderegler auf der Überfahrt so gut wie ?leergekocht? und komplett entladen, was heisst, dass wir keinen Strom an Bord haben, sprich kein Licht, keinen Kühlschrank, etc. Smutje hört sich auf dem Schwarzmarkt um, jemand will Batteriewasser besorgen, und ist in etliche Fachgespräche mit Noel und anderen Seglern vertieft. Die Starterbatterie und eine der vier Versorgerbatterien scheinen auf jeden Fall überlebt zu haben, die restlichen drei mit viel Glück? So spielt sich das Leben wieder im Bauch der INTI ab. Aber wir haben mit den Italienern eine Verabredung für Sonntag zum Essen gehen. Das muntert auf. Und nach drei Tagen gibt es auch wieder Wasser, so dass wir duschen können. Eine Wohltat, ist doch Santiago und Umgebung als die heisseste Region Kubas bekannt und so fühlt es sich auch an. Am Sonntag quetschen wir uns dann gemeinsam zu Noel in den kleinen Moskovich, wir sind zu fünft und die beiden Paare sitzen hinten, Frauen auf dem Schoss. Und los geht es mit viel Geröhre, Geknatter und einer Prise Son aus der Anlage über Serpentinen und Schlaglöcher zu einem sehr romanisch gelegenen Restaurant von dem aus man die ganze Bucht überblicken kann. Eigentlich ist es mehr ein privates Haus mit einer Terrasse mit ein paar extra Stühlen und Tischen. Wir geniessen das leckerste Essen, das wir seit langem hatten! Pulpo (Okopus) und Fisch, Reis mit Meeresfrüchten, Salat, Tostones (kleine Taschen aus frittierten Kochbananen gefüllt mit in Tomatensud gegartem Pulpo) und hinterher einen Flan (eine Art Caramelpudding), Kaffee und etliche Sorten Rum. Wir kullern schon mit den Augen, so reichhaltig waren die Portionen und so lieb die Gastwirte. Wir verbringen mindestens fünf Stunden mit Essen und Reden. Eine wundervolle, sympathische Atmosphäre. Die Frau zeigt uns Fotos von ihrer Tochter und mit dem Mann sprechen wir über deutsche Biere und vieles mehr. Warum sind eigentlich so viele Menschen Bayern München Fans?? Das verstehen wir so garnicht!! Im noch älteren Moskovich des Gastwirts werden wir zurück gefahren. Wieder sitzen die Ladies bei ihren Männern auf dem Schoß und der alte Wagen rumpelt mit volle Pulle schmalzigem Latinpop durch die Schlaglöcher zur Marina zurück. Hier sitzen wir noch mit ein paar Seglern und Segeltrampern herum, reden viel und lernen nebenbei ein sehr sympathisches junges belgisches Pärchen kennen, das sich ein besonderes Projekt für ihre Segelreise ausgedacht hat. Er ist einer der Programmverantwortlichen für die Philharmonie in Brüssel und sie haben eine Organisation gegründet, um Musikschulen in der Welt zu unterstützen. Gerade kommen sie aus Haiti, wo sie einer Musikschule etliche gespendete Streichinstrumente überbracht und die Schüler unterrichtet haben. Via Kurzwelle von der INTI 31.03.2015 – 00:26 utc 19°58.97’N 075°52.38’W

2 Responses to Moskovich

  1. Rainer

    Wunderschön, traumhaft. Wie gehts weiter, ich meine mit den Batterien, den Tierchen im Reis ? Wir gucken jeden Tag, ob was Neues von euch da ist. Hier in Bremen: Starkwind, Osterwiese unterbrochen, eigentlich seit Tagen Dauerregen. Vorhersage für die nächsten 4 Tage: Regen, bisschen Sonne. Stabile 5-8 Grad tagsüber.
    Grüße von Rainer&Ingrid

  2. ramon

    Eso es Cuba, bienvenidos a la isla de la fantasía y la improvisación. Gut, daß du im Latinoghetto aufgewachsen bist Jona so wird das palabern hoffentlich kein Problem. Interessant das mit den Musikprojekt der Belgier, ein kleines nuevo sistema voran zu bringen, toi toi toi dazu und erzähl, ob du die Adressen der Musiker bekommen hast. Ganz liebe Grüße aus Kölle am Rin!

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