Karnevalsrhythmen schallen vom Ufer herüber, über uns thront eine gewaltige Festung. Wir sind in Fort-de-France, der Hauptstadt Martiniques. Auf dem Strassen ein buntes Treiben, an jeder Ecke werden Strapse und neonfarbene Dessous, Playboyohren, Perücken, Glitter und andere Karnevalsaccesoires verkauft. Jung und alt ist bunt unterwegs, Omi hat sich die Haare pink gefärbt, Opi trägt eine Rastaperücke und die jungen Mädchen hautenge Netzteilchen. An der Kasse des Supermarktes sitzen Engel mit blinkenden Heiligenscheinen und kassieren grad eine Teufelin mit Pferdefuss und Dreizack ab. Alles steht im Zeichen des diesjährigen Mottos: Burleske. Gleich geht es richtig los, wir sind gespannt!

Aus dem geplanten kurzen Zwischenstop in Martinique ist nun doch wieder ein Monat geworden. Zwei Wochen sind wir am quirligen Ankerplatz von Le-Marin versackt. Oh nein, wir sind nicht versackt: es war wieder einmal etliches am Boot zu tun. Unsere erste Mission war das Ingangsetzen des Wassermachers. Natürlich verlief dies nicht ohne Schwierigkeiten, denn einmal fest installiert, mit allen Schläuchen und Ventilen versehen, tut sich gar nichts. Noch mal alles überprüft, alle Vorfilter, Strom und Verbindungen gecheckt aber das Ding rattert nur vor sich hin ohne einen Tropfen Wasser auszuspucken. War es doch keine gute Idee, einen Wassermacher gebraucht zu kaufen? War das Schnäppchen am Ende eine Mogelpackung? Frustration macht sich breit! Doch gibt es ja immer alte Seehasen, die einem ratsam zur Seite stehen. So auch ein Boot aus Ostfriesland, 15 Jahre unterwegs, sie geben uns den Tipp, das Teil einmal ordentlich mit den dazugehörigen Lösungen durchzuspülen, kein Erfolg. Nächster Ratschlag: die internen Ventile und Dichtungen tauschen. Also zerlegt Smutje die Pumpe in sämtliche Einzelteile und schafft es diesmal ausnahmsweise mal, keine der zahlreichen kleinen Federn und Schrauben zu versenken, und-siehe da- er läuft! Wir können es garnicht fassen: Tropfen für Tropfen spuckt der Schlauch Wasser aus, was nach einigen Durchläufen doch tatsächlich Trinkwasserqualität hat! Wir sind happy, brauchen wir doch hierfür nicht einmal den Motor zu starten, unsere Wind- und Solarenergie reicht völlig aus. Ein Schritt hin zu mehr Autonomie und viel weniger Plastikmüll! Vollgepackt mit neuen Erfahrungen hat Smutje jetzt auch schon eine Bucht weiter auf einem anderen Boot einen Wassermacher ähnlichen Typs zum Laufen gebracht. So ist das in der Seglerwelt, man bekommt Hilfe, gibt sie weiter, brütet gemeinsam über einem neuen Problem, ganz selbstverständlich. Eine schöne Sache!

Aber es gab noch weitere Baustellen. Der Motor, unsere alte Dame, braucht dringend mal wieder Pflege und so verkriecht sich Smutje für längere Zeit in den öligen Schiffsbauch. Alle Filter werden ausgetauscht und Ventile nachgestellt, ein lockerer Motorfuss nachgezogen, Dichtungen und Impeller der Wasserpumpe getauscht und die ganze Dame mal ordentlich geschrubbt und entfettet, um nach undichten O-Ringen und anderen Lecks zu suchen. Das sollte es erstmal gewesen sein, aber nein der Klabautermann hat es irgendwie auf uns abgesehen. Während wir fleissig schrauben, bricht noch die Klopumpe, der Kühlschrank will auf einmal nicht mehr starten und auch der Navigationscomputer gibt seinen Geist auf. Knurrend bekommen wir auch das repariert. Als Smutje dann vor unserer Weiterfahrt noch ordentlich das Rigg durchcheckt stellt er fest, dass bei einem Unterwant schon ein Kadel gebrochen ist. Ahhh, manchmal kann das Seglerleben auch nerven! Doch glücklicherweise sind wir in Martinique und hier gibt es wirklich alles an Ersatzteilen.

Nebenbei laden wir unsere INTI voll, randvoll! Kiloweise Mehl, etliche Büchsen, diverse Liter Rotwein, zwei Paletten Bier, ein Halbjahresvorrat an Spiritus für den Herd, Kräcker, Müslis, kiloweise Nudeln und, und, und verschwinden in ihren vielen Winkeln und Schapps. Wir bereiten uns auf abgelegene Ankerplätze und Kuba vor, wo es mit dem Proviant auch schwierig sein kann.

Aber es gab nicht nur Arbeit. Endlich bekommt die Capitana die Nachricht über die bestandene Abschlussprüfung ihres „Daf-Studiums“ am Goetheinstitut. Oftmals schwitzend, schaukelnd und nicht selten auch fluchend hat sie sich in den letzten Monaten durch die Prüfungen gekämpft. Jetzt kann sie an den vielen Goetheinstituten und Sprachschulen überall auf der Welt unterrichten, was natürlich ausgiebig mit Freunden gefeiert werden muss!. Es wird eine lange Nacht auf deren Boot, mit viel Rotwein, guter Stimmung, Musik, bis die erste auf dem Klo einschläft. Am Ende gibt es noch auf dem Laptop ein Konzert der „Einstürzenden Neubauten“ aus dem Palast der Republik. Feinster berliner Underground, auf einem schaukelnden (nichtdeutschen) Boot am anderen Ende der Welt, eine gute Mischung!

Weiter geht es um Urlaub vom Urlaub zu machen nach Grand Anse, einer wunderbar idyllischen Bucht, ein paar Meilen weiter. Hier geniessen wir das klare Wasser, schnorcheln im Naturschutzgebiet, bestaunen die farbenfrohe Unterwasserwelt und spielen auf dem Klavier, was hier auf dem Grund liegt. Smutje packt dann, angestachelt von einem französischen Freund, das Fieber, endlich mal unser Dingi zu segeln, denn das Equipment fahren wir schon die ganze Zeit mit uns herum. Also wird das Segel ausgepackt, die Seitenruder und die Pinne befestigt und los gehts! Die Probefahrt geniessen die Kinder eines anderen deutschen Bootes mit Smutje zusammen. Langsam gleitet das Bananenboot durch die Bucht. Fantastisch! Die Franzosen rufen uns bei einer weiteren Fahrt aufmunternde Sprüche zu und warnen uns scherzhaft vor den Schildkröten („Attention au Tortues!!!), die uns zugegebenermassen oft auch überholen. Schildkröten  gibt es hier massenhaft. Sie schwimmen um unser Boot herum, strecken ab und zu ihre kleinen Köpfe aus dem Wasser und lassen sich von den vielen Schnorchlern bewundern.

In einer Bar kann man sich beim Besitzer sein Auto für ein paar Euros ausleihen. Das klappt zwar nicht ohne Probleme, der erste Termin platzt, doch mit Hilfe unserer französischen Freunde können wir es an einem anderen Tag ausleihen. So stehen wir früh auf, um uns den Schlüssel in der Bar abzuholen. Nestor ist da und gibt uns den Schlüssel, zeigt auf die quietschgrün gestrichene Bar und sagt, sein Auto hätte diese Farbe und stehe da und da. Wir suchen und suchen, doch wir können nichts grünes sehen. Schon wieder ein französisches Missverständnis? Wir laufen zum anderen Parkplatz und da steht ein annähernd grünes Auto herum. Wir können auch die Tür öffnen, drinnen liegt eine Kreissäge herum und allerhand Werkzeug. Sollte das das Auto sein? Der Schlüssel passt nicht. Schnell weg, zum Glück hat das keiner mitbekommen. Wir schauen doch noch einmal auf dem anderen Parkplatz nach und mit etwas Fantasie können wir doch an einem Auto etwas grün erkennen. Und der Schlüssel passt! Juhuuuuuuuu! Also machen wir uns auf in das abseits gelegene Shoppingparadies Le Lamentin. Hier gibt es einen grossen Decathlon-Laden und endlich bekommt Capitana Flossen und ein paar neue Bikinis, denn die alten haben sich vom vielen Salz und Sonne fast komplett aufgelöst. Smutje kann sich endlich eine Harpune kaufen, um seinen Unterwasserjagdtrieb voll auszuleben. Wir fahren weiter in die Berge, unterwegs treffen wir auf eine sehr französisch anmutende Kathedrale, mitten im Urwald! Und sie heisst zudem auch noch Sacre Coeur und ist eine Nachbildung dieser imposanten Kirche im Montmatre in Paris. Wir fahren weiter auf den höchsten Berg der Insel, den Mount Peleé, mit fast 1400 Metern der höchste Berg der Insel. Doch leider regnet es mittlerweile in Strömen, so dass wir kaum die Hand vor Augen sehen können. Wir laden abermals das Auto mit Proviant in einem der riesigen Supermärkte voll und machen uns auf den Rückweg, an der Küste entlang. In Fort-de France besichtigen wir die Bibliothek „Schoelcher“, unglaublich, sie wurde 1889 für die Weltausstellung in Paris gebaut, danach in Einzelteile zerlegt, nach Martinique gebracht und hier wieder komplett aufgebaut.

Auch unsere Köpfe haben schwer gearbeitet die letzten Tage. Gebrütet haben wir über Karten, Pilotcharts, Cornells „Segelrouten der Welt“, diversen Revierführern und haben eine Entscheidung getroffen. Uns zieht es zwar schon fast magisch in den Pazifik aber wir bleiben noch bis Ende des Jahres auf dieser Seite. Es gibt einfach zu viel zu sehen hier und für die Osterinsel, unser erstes Ziel im Pazifik, sind wir auch schon etwas spät dran. Jetzt heisst es erstmal „auf nach Kuba“, eine Insel die wir schon immer mal ausgiebig und mit viel Zeit besuchen wollten! Zuvor machen wir allerdings einen Abstecher auf die „Naturinsel“ Dominica, bis unser neues Unterwant in Martinique fertig ist und um auf das perfekte Wetter für den immerhin 1000 Meilen langen Törn nach Santiago de Cuba zu warten. Allez!