„Schildkröten können dir mehr über den Weg erzählen als Hasen“ Chinesisches Sprichwort

Beim Klabautermann, Rasmus, Neptun oder wem auch immer! Werden wir auf die Probe gestellt? Haben wir am Äquator nicht genügend Alkohol geopfert? Oder wollt ihr uns netterweise nur all die Problemchen zeigen, bevor sie im Pazifik zu echten Problemen werden? Was ist los? Die Reparaturen reihen sich aneinander. Unser Boot ist voll Proviant geladen, ausgebessert, verbessert und gestrichen. Startklar, um die San Blas Inseln zu erkunden. Doch als Smutje von ein paar letzten Einkäufen an Land zurück zum Boot knattert, steht die Capitana wild fuchtelnd an Deck der INTI und die Nachbarn machen ein sorgenvolles Gesicht. Ordentlich Wasser in der Bilge! Doch glücklicherweise haben wir einen Alarm eingebaut, der einem die Ohren klingeln lässt, wenn Wasser ins Boot läuft und so musste die Capitana ihren Finger erstmal in die ölige Brühe stecken um zu kosten, ob es sich um Salzwasser handelt, und, ja- es war Salzwasser. Mit dem richtigem Ventil lässt sich der Wasserfluss erstmal stoppen. Die gemeinsame Analyse mit den Bootsnachbarn ergibt, dass der Wärmetauscher (ein Teil vom Motor in dem der innere Süsswasserkühlkreislauf des Motors mit Salzwasser von aussen gekühlt wird) tropft wie irre! Also muss Smutje wieder in den Keller und ausbauen. Er stellt fest, dass die Korrosion das Teil einfach hat aufplatzen lassen. Mal wieder Alu mit Bronze in salzig-warmer Umgebung, galvanische Ströme vom Feinsten, Smutjes aktuelles Lieblingsthema! Warum ist denn da keine Opferanode drin, das haben doch die meisten Wärmetauscher?! `Der nächste Konstrukteur zum Kielholen` denkt sich Smutje, während er sich grimmig wieder auf die Suche nach Ersatzteilen macht.
Die Zeit plätschert also im wahrsten Sinne dahin. Wir stecken in Linton fest, aber so schlimm ist es auch wieder nicht. Seit über acht Wochen sind wir im Wasser, haben weiter repariert und repariert, viele alte Freunde getroffen und neue Freundschaften geschlossen. Das Gute wenn man lange an einem Ort bleibt ist, dass man viel tiefer in das lokale Leben eintaucht. So feiern wir Weihnachten bei Freunden im nahegelegenen Dorf. Sie haben dort für den Vater ein Haus gemietet, sie selbst leben auf einem Boot. Ein wunderschönes Fleckchen Erde, die ganze Familie des Vermieters wohnt hier, sie selbst nennen es „paraiso entero“, das ganze Paradies. Bunte Häuschen reihen sich an einem sauberen Strand, die Dorfbewohner sind allesamt lebendige, intelligente, lebensfrohe und kontaktfreudige Menschen. Weihnachten kamen wir alle zusammen, jeder brachte Leckereien mit, der Grill wurde angeschmissen und vor dem Essen wurde von der Grossfamilie des Besitzers ein langes Gebet gesprochen. Eine bunte Truppe an Hellhäutigen ist auch dabei: einer hat DEN Segelrevierführer für die San Blas Inseln geschrieben (er wurde als Kind deutscher Langfahrtsegler auf einem Boot geboren) mit seiner Freundin und Kind aus Panama, ein New Yorker Ex-Filmregisseur mit seiner argentinischen Frau und seinem Vater, einem über 80-jährigen Ex-Hollywoodschauspieler.
Anfang des Jahres arbeiten zur Abwechslung mal wir für unseren Motormann, er will einen Laden eröffnen mit Anliegerwohnung für den Angestellten. Die ist ziemlich heruntergekommen, an den undenkbar möglichen Orten hängen Nester fremder Tiere herum, auf dem Boden krabbeln Krabben, Fledermauskacke vor dem Haus. Wir streichen die Wohnung komplett und hängen neue Decken unter die Isolierung. Abends dürfen wir unsere verschwitzten Körper in deren Hostel duschen, schnacken mal hier mal da mit den Gästen und workaways (Leute, die beim Reisen arbeiten und dafür umsonst wohnen können) und bekommen dafür irgendwann ein zweites Vorstag gebaut und angebracht. Arbeit gegen Arbeit, ein guter Deal. Nebenbei haben wir jetzt auch einen neuen Aussenborder-ein Geschenk des Himmels! Er springt sofort an, macht keine Zicken und bringt uns auch mal ein Stückchen weiter, zum Beispiel in den „tunnel of love“, eine schmale Durchfahrt unter einem Baldachin aus Mangroven. Wir setzen einen Fuss auf die Affeninsel, stolz posieren die Äffchen für uns, laufen majestätisch unter den Palmen auf und ab und kratzen sich die Flöhe aus dem Pelz. Pelikane stürzen ins Wasser, denn hier ist Fischkino angesagt, ständig springt und zappelt es, der Pelikan hat gute Augen, kopfüber taucht er aus einer Höhe von etwa fünf Metern zielgerichtet ins Wasser und lässt die Beute in seinem riesigen Schnabel verschwinden.
Viel passiert hier nicht, die Tage vergehen mit Arbeit, einkaufen, schlafen und ab und an mal einem Essen auf einem anderen Boot. Dass soviel Zeit vergangen ist bekommen wir garnicht so richtig mit. Natürlich wollen wir weiter, aber ständig treffen wir hier Leute, die irgendwann mit ihrem Boot hier angekommen sind und mittlerweile über zehn Jahre hier leben und irgendein business machen. Das lässt uns verschnaufen, warum sollen wir hetzen, wir haben keine Eile. Mittlerweile fühlen wir uns hier auch nicht mehr als Touristen oder traveller, durch die Organisation unseres Bootes, dem Besorgen von Ersatzteilen, dem Mitbenutzen der Werkstatt unseres Motormannes und dadurch auch dem täglichen Mittagessen bei Mutti im Dorf, einkaufen im hiesigen miniminiminimini-market (einem Fenster mit kleinem Raum dahinter) fühlen wir uns anders, wir lernen die Leute auf der Strasse kennen, oftmals werden wir freudig gegrüsst, Smutje radelt oft mit einem geliehenen Rad essen holen und kennt schon die ganze coole biker-gang aus dem Dorf. Das Dorf ist richtig hübsch-hässlich. Seinem Namen Puerto Lindo (schöner Hafen) macht es wenig Ehre. Der Müll türmt sich am Ufer, dazwischen die füllige Mutti mit ihren Lockenwicklern, eine dicke Sau suhlt sich in der Kloake, Häuser werden generell nur vorne angestrichen, wo der Nachbar es sehen kann, dahinter liegt der Müll und Vati in der Hängematte. Abends spielen jedoch die Kinder in den Gassen, die riesigen Boxen wummern, und hier und da wird hinter vorgehaltener Hand gekichert. Nachts sind alle Katzen grau und so relativiert diese abendliche Lebendigkeit den Eindruck, den man tagsüber von diesem Fleckchen Erde hat.
Als wir eines Tages unsere Segel auf dem grossläufigen Gelände der Marina am anderen Ende des Ankerplatzes ausmessen, schleicht sich von hinten eine seltsam wirkende weisse Frau an Capitana heran. Sofort stellen sich ihre Nackenhaare auf, als die Unbekannte ihr ins Ohr wispert: „Morphins….“ Was will die verkaufen? Morphine? Mit einem barschen „No, thank you!“ bügelt Capitana die Sache ab. Ganz unwahrscheinlich sind solche Dinge hier nicht, liegen wir hier mit der Nähe zu Kolumbien im absoluten Drogensumpf, im Nachbardorf haben sich bis vor kurzem die Leute auf offener Strasse erschossen, jetzt patrouilliert das Militär ab und an mal vorbei. Doch zurück in die Marina. Als Capitana der Frau noch einen Blick hinterher wirft, stellt sie fest, dass sie eine Tupper-Box in der Hand hält, aus welcher sie bunte MUFFINS verkauft. Autsch!
Anderntags sind wir zu einer Grillparty eingeladen. Gerne feiern wir mit unseren Freunden den 84sten Geburtstag des ehemaligen Hollywoodstars. Er freut sich wie ein Kind über die nette Party, ein Schwank nach dem anderen wird aus seinem ereignisreichen Leben erzählt. Am Ende sitzen wir mit dem gesamten Dorf vor dem Laptop und schauen uns seine Werbefilme an, die dunklen Augen der älteren Damen blitzen feurig. Auf der Autofahrt zum Dingi zurück beginnt es unter Capitanas Kleid eigenartig zu kribbeln. Verwirrt schüttelt sie an ihrem Kleid herum, doch das piksen nimmt kein Ende. Viermal hat sie schon offensichtlich etwas gebissen oder gestochen. Laut quietschend bittet sie unseren Freund Alex, doch schnell rechts ranzufahren, um mal nachzusehen. Froh sind wir im Nachhinein, dass es keine Zeugen dieser nächtlichen Aktion gab. Wilde Tänze mit ausgelassenem Rockgeschüttel hätte es hier zu sehen gegeben, Smutje, der unter dem Rock nach Tierchen sucht und Alex, der mit der Taschenlampe herumfuchtelt und auf ihre Beine leuchtet. Was es war, wissen wir nicht, höchstwahrscheinlich war eine Ameise der Übeltäter. Nach der Tanzeinlage am Strassenrand war das Viech auf jeden Fall verschwunden.
Nicht zu vergessen ist auch die Nacht, als wir mit Freunden, schon leicht angeheitert nach einem wunderbaren Essen auf unserem Boot, endlich mal Party machen wollen, in Portobelo gibts Konzert. Der Taxifahrer versetzt uns, also ruft der Nachtwächter der Marina einen Kumpel an, der auch ein Taxi hat. Mit Vollspeed kommt der nach fünf Minuten angebraust, schnell ist der Preis verhandelt und los gehts. Doch keine drei Minuten später Vollbremsung!!!!! Der Fahrer springt aus dem Wagen und verschwindet im finsteren Dschungel. Was ist da los? Kommen jetzt seine Kumpels um uns auszurauben? Nein, sein Handy hat er da gelassen, damit wir uns seine Nummer für die Rückfahrt abspeichern. Wo ist er hin, was ist los? Doch da kommt er auch schon zurück, zieht sich den Hosenstall zu und ist völlig entspannt. Puuuuh, er musste mal in die Büsche, zuhause hatte er einfach viel zu viel Bier getrunken. Das war eine heitere, kurvenreiche Fahrt nach Portobelo.
Oh wie schön ist Panama!