And so castles made of sand melts into the sea, eventually

Jimi Hendrix, angeblich geschrieben in Marokko

Mit über 40 Knoten pfeift der Wind gewaltig durch das Rigg, der Windgenerator stimmt mit einem tiefen, etwas verrauschten Bass mit ein und die Fallen und Bändsel klappern einen wilden Beat. Die INTI tanzt dazu, kantig und bockig, denn sie ist gefesselt mit diversen Leinen und Tampen. Zum Glück sind wir schon vorgestern im kleinen entspannten Hafen von La Graciosa angekommen.

La Graciosa liegt nur einen Katzensprung vor ihrer grossen Schwester Lanzarote, aber hier laufen die Uhren langsam, gaaanz langsam. Es gibt weder Strom noch Internet am Steg, kalte Duschen und die Gassen sind nicht asphaltiert. Wozu auch? Wir haben nur eine Handvoll Autos gezählt. Alles genau nach unserem Geschmack, aber schreckt natürlich den einen oder anderen Skipper ab. Dementsprechend sieht man hier wenige hochpolierte Megayachten und die Gemeinschaft am Steg ist jung, bunt und vor allem tiefenentspannt. Die Bewohner am Land ebenso und so fühlen wir uns sauwohl zusammen mit unseren Freunden von der „Jasina“ und dem „Schnellen Raumkreuzer Orion“, die ebenfalls den Weg aus Rabat herüber gefunden haben. Hier werden wir dann wohl Weihnachten feiern und siehe da: gestern haben wir auch schon bemerkt, dass die eine oder andere Palme mit einer Lichterkette geschmückt wurde und neben einem Kaktus ein Weihnachtsmann steht.

Die Überfahrt war zäh, die Wellen vor Rabat gingen nur für ein paar Stunden unter zwei Meter, um dann wieder für ein paar Tage oder länger in die Höhe zu schnellen. Zwei Meter ist die Grenze unter der die Offiziellen von Marokko sagen: „na gut ihr dürft raus“.

So drängelten sich dann auch sechs Boote am Ausklarierungssteg, obwohl die Wettervorhersagen eher mässig aussahen. So war es dann auch, nach ein paar Stunden schönen Segelns setzte die Flaute ein und wir mussten unsere alte Dame, den Motor, 30 Stunden knattern und husten lassen, dann wieder etwas Wind, der stärker und stärker wurde, uns allerdings voll auf die Nase blies. Dazu ordentlich Atlantikschwell von der Seite, garniert mit Windsee von vorne und Regen von oben. Die INTI tanzte Pogo und der mühevoll aus Bremen importierte Christstollen legte in Smutjes Magen den Rückwärtsgang ein und beglückte die marokkanischen Fische. Der Smutje überlegte derweil knurrend, woher er einen Opferaltar bekommen könnte, um Neptun ein Meteorologenherz zu opfern, denn wo waren die angesagten achterlichen 2 Windstärken??  In der Nacht beruhigte es sich dann aber wieder und am nächsten Tag empfing uns die See mit Flaute. Sie wirkte wie Öl, so wenig Kräusel und Windböen waren zu sehen, die Sonne lachte und es wurde merklich wärmer und wärmer. Begleitet wurden wir von wild springenden und tanzenden Delfinschulen mit bis zu 50 (!) Tieren und einer neuen Spezies. Zunächst dachten wir da treibt eine Kokosnuss, doch die dritte Nuss hatte auf einmal einen Kopf, der sich träge in die Höhe hob! Da erkannten wir sie, mitten auf dem Atlantik trieben Schildkröten und sonnten ihre Panzer! Die vierte Segelnacht und der fünfte Tag entschädigten dann aber alles, wir schliefen gemütlich unter Segeln mit einer leichten Brise von hinten und der Landfall auf unserer ersten Atlantikinsel war atemberaubend schön. Der Morgen begrüsste uns mit einem Spektakel aus einem Himmel in diversen Blau- und Rottönen, dazu der untergehende Vollmond auf der einen Seite und die aufgehende Sonne auf der anderen. Am Horizont erhob sich langsam ein kleiner Berg aus dem tiefblauen Ozean, der beständig grösser wurde und sich nach ein paar Stunden in die typischen wilden, vulkanischen Felsformationen der Kanaren verwandelte.

Wir sonnten uns auf dem Vorschiff und waren unglaublich aufgeregt und glücklich. Das sind die Kanaren, wir sind wirklich vor Lanzarote! So weit und unerreichbar kam uns diese Inselgruppe vor, als wir vor fünf Monaten noch etwas unsicher und wackelig auf den Beinen in Berlin die Leinen loswarfen.

Doch drehen wir die Uhr ein paar Wochen zurück, in Marokko war noch so Einiges los.

Im Marrakesch blieben wir noch ein paar Tage, die Capitana hatte sich eine Grippe eingefangen, die erst einmal gründlich mit Schlaf und diversen Folgen „Breaking Bad“ kuriert werden musste. Der Smutje klapperte noch etliche Sehenswürdigkeiten ab und besuchte täglich seinen neuen Amigo vom Saftstand, um die Kranke mit Vitaminen zu versorgen. Wir merkten allerdings relativ bald, dass Marrakesch nichts für uns ist. Es ist zwar interessant und bunt, aber wir sind nach vier Monaten auf See keine hektischen, nach Abgasen und Müll riechenden Städte mehr gewohnt. Aus uns zwei gestandenen Berlinern sind zwei richtige Landeier geworden, oder nennt man die jetzt Seeeier? Egal, als die Capitana wieder auf den Beinen war kauften wir uns zwei Bustickets Richtung Sahara!

Langsam quälte sich der Bus in endlosen Serpentinen über das Atlasgebirge, begleitet von den Würgegeräuschen der Einheimischen, die beständig ihre mitgebrachten Plastiktüten füllten. Die Capitana versuchte ihre feine Nase vor den säuerlichen Geruchsschwaden in Sicherheit zu bringen, während der Smutje derweil die atemberaubende Aussicht genoss. „Ihr Landratten“ dachte sich die INTI-Crew und rieb sich genüsslich ihre langsam grösser werdenden Salzbuckel an der Rückenlehne. Wir schlängelten uns weiter hoch über die Felsen, vorbei an tiefen Tälern und kleinen Schneefeldern, bevor wir langsam wieder tiefer Richtung Sahara glitten. Es wurde trockener und trockener und uns begrüsste eine wunderschöne Wüstenlandschaft, unterbrochen von Palmenoasen mit Lehmkasbahs und kleinen Städten. Wir hatten uns bei der Planung an unseren alten Rucksackreisentrick erinnert, uns einen Ort  „off the beaten track“ ausgesucht und landeten einen Volltreffer. In Agdz stiegen wir aus dem Bus, gönnten uns einen frischen Minztee an einer Fressbude und wurden von Gaelle Ait-El-Kaid begrüsst. Eine Französin, die zusammen mit ihrem marokkanischen Mann Azis ein Guesthouse mit Campingplatz betreibt. Guesthouse ist untertrieben, denn nach einer kurzen Fahrt durch die Palmenoase erreichen wir einen palmenumsäumten Lehmpalast. Asiz Ait-El-Kaid ist der Enkel des Caid von Agdz und ist dabei, zusammen mit dem deutschen Lehmbauprojekt „Lehmexpress“, die alte Kasbah nach den jahrhundertealten Traditionen des Lehmbaus zu restaurieren. Teile des Palastes werden schon oder noch von den zahlreichen Familienmitgliedern bewohnt und ein arkadengesäumter Hof mit kleinen Kammern und Gemeinschaftsbad dient als Unterkunft für Gäste. Darüber hinaus gibt es einen kleinen Pool, einen Gemeinschaftsraum, Platz für Wohnmobile und jährlich veranstaltet Asiz zusammen mir dem Projekt „DinDum“ ein Musikfestival mit internationalen Künstlern auf dem Gelände.  Wir fühlen uns sauwohl bei der gewaltigen Familie Ait-El-Caid, die mit Eitelkeit nicht das Geringste zu tun hat, sondern unglaublich freundlich und herzlich ist. Oftmals sind wir die einzigen Gäste, die Tage plätschern mal wieder dahin und wir geniessen die unglaubliche Ruhe, die interessanten Gespräche mit Azis und seinem Neffen Anouar („Coush-Coush“), bevor wir unsere Reise tiefer in die Sahara angehen. Zwischendurch bekommt Smutje noch ein paar marokkanische Beats beigebracht und rockt zusammen mit den Beiden die Kasbah. So wird der Trip in die Sahara dann auch eher ein Abstecher. Zusammen mit Annemarie und Susann aus Berlin und Dresden und ihrem Mietwagen düsen wir tiefer in die Sahara, bevor wir auf vier Dromedare umsteigen und in Richtung Sanddünen reiten. Eigentlich hatte der Smutje ja immer den Traum, mit einem altem Militärjeep und flatterndem Turban durch die Wüste zu düsen, aber die gibt es hier nicht und die neuen Jeeps sind nicht nur sauteuer sondern auch noch potthässlich. Tja, dann eben das traditionelle Wüstenschiff. „Immerhin drei Frauen und vier Kamele“ denkt er sich und fühlt sich wie Laurenz von Arabien. Wir nächtigen in einem Berberzelt zwischen den Sanddünen, der Sternenhimmel und das Farbenspiel sind unbeschreiblich, doch die Kälte leider lausig. Sternenhimmel und Farben kennen wir eigentlich auch schon von unseren Nächten draussen auf See, uns fasziniert vor allem die Ruhe. Auf einem Schiff blubbert und klappert immer irgendwas, hier hört man einfach nichts, wirklich garnichts. Das Blut rauscht in den Ohren und das leise Rascheln einer Plastikblume klingt auf einmal bedrohlich laut, beeindruckend!

Am nächsten Tag geht es wieder mit ein paar Schlenkern durch die Oasen zur Kasbah der Ait-El-Caids, wo wir schon freundlich begrüsst werden. Die Mädels geniessen noch ein paar Stunden im Dorfhammam, der zu einen besonderen Abenteuer wird. Wir hatten uns ganz besonders auf das Hammam gefreut, denn die Wüstennacht war sehr kalt und diese Kälte wollten wir nun mit Wärme und Massage vertreiben. Das Hammam lag direkt neben der Kasbah, und so wurden wir von Anouar (Coush-Coush) bis zur Tür begleitet und mit dem Türsteher ein Preis für unseren Besuch ausgehandelt. Der Hammamtürsteher war direkt den Märchen von „1001 Nacht“ entsprungen, ein nachtschwarzer Mann mit blauem Turban und verschmitzt funkelnden schwarzen Augen mit wunderschönen langen geschwungenen Wimpern. Wir betraten also das Loch in der Wand, liefen durch einen schummerig beleuchteten Gang und kamen in eine Art Umkleideraum. Wir entledigten uns unserer staubigen Klamotten und schoben einen vergilbten Plasikvorhang zur Seite. Dahinter ging es schon los: Black Magic…Auf dem Boden sassen die dunkelhäutigen Schönheiten, teils mit Kindern, und begossen sich mit Wasser, schrubbten sich gegenseitig und lachten und schwatzten. Wir gewöhnten uns an das funzelige Licht und gingen weiter in den dritten Raum, welcher leer war und setzten uns etwas widerwillig auf den blanken Steinboden. Dieser war übersät mit Haarbüscheln und allem möglichen schwer zu identifizierendem Fusselzeugs. Egal, es war schön warm und wir hatten ein freies Plätzchen gefunden. Kaum dass wir saßen kam auch schon eine Big Mama angerauscht und versuchte, uns etwas zu erzählen. Capitana packte mal wieder ihr bestes Französisch aus, auch Susann gab alles, doch wir wurden nicht recht schlau. Sie hielt uns den klassischen Kezze (den Abrubbellappen) vor die Nase und machte mit Daumen und Zeigefinger der anderen Hand das unmissverständliche Zeichen für „kostet was“. Ja, das wussten wir ja, denn es war ja ausgemacht worden, dass wir für Massagen, bzw. Hautabschrubbeln bezahlen. Hmmmm, wir sagten ihr, dass wir einen Handschuh für uns drei nehmen, da wir dachten, die Dinger kosten jetzt extra. Schon kurz darauf fing sie an, uns mit irgendeinem selbsthergestellten Zeug einzureiben, Capitana fand dabei einen kleinen Tausendfüssler und popelähnliche Bröckchen auf ihrer Haut. Schon schmiss die dunkle Dame Susann auf den Boden, um ihr höchst theatralisch die Massage zu verpassen. Sie gab alles, kam mehr und mehr ins Schwitzen und musste mehrmals raus, um Luft zu schnappen. Das Gleiche nun bei Annemarie. Susann war es mittlerweile zu heiss geworden, und hatte sich vorne wieder angezogen. Nun war die Capitana an der Reihe. Eingekeilt zwischen den Riesenbrüsten dieser energischen Dame gab es kein Entkommen mehr. Sie rieb und rubbelte und zeigte zwischendurch immer wieder angewidert auf die schwarzen Krümel, die sich von Capitanas Haut lösten. Das rosafarbene ungläubige Schweinchen, dampfgegart und natürlich schmutzig. Was sie nicht wusste war, dass die beiden Mädels zwei Tage zuvor im Hammam in Marrakesch gewesen waren. Das ganze Spektakel spitzte sich nun weiter zu, indem die Frau, die wohl eigentlich für unsere Massage bestellt war, in voller Montur (drei Kleider übereinander) im Hammam eintraf und sich ein wilder Disput zwischen der black magic lady und der schwer Bekleideten entspann. Annemarie und Capitana wuschen sich noch schnell die Haare und flitzten zwischen den heissen Leibern hindurch zum Umkleideraum. Dort wurden sie bedrängt, ob die Damen nicht ihre Haare waschen dürften, sie winkten ab und unter den Blicken von etlichen Frauen und Kindern zogen sie sich schnell wieder an. Und dann passierte es: Annemarie wich plötzlich die komplette Farbe aus dem Gesicht, erst grün, dann weiß lehnte sie an der Wand und konnte weder Piep noch Papp sagen. Susann rannte los, um Wasser zu kaufen, während die Hammamdamen Annemarie Mandarinenstückchen unter der Nase zerrieben. Derweil stellte Capitana fest, dass ihr Geld verschwunden war. Egal, Annemarie ist jetzt wichtiger. Irgendwie wurde sie raus  in die Kasbah geschleppt und erstmal auf Kissen gebettet und ihre Lippen mit Parfum beträufelt, so dass sich alsbald ihre Lebensgeister wieder regten. Das Geld war auch schneller wieder da als gedacht, wo es wirklich gefunden wurde bleibt unklar. Diesen unvergesslichen Besuch in einer völlig anderen Badekultur schlossen wir mit einem Abendessen ab und fielen früh ins Bett mit einer glatten Haut und einem tiefen Schlaf wie Babies.

Am nächsten Morgen brechen wir dann zusammen mit Annemarie und Susann Richtung Küste auf. Zwischen Atlas und Antiatlas sausen wir durch die bizarre Berg- und Wüstenlandschaft nach Mirleft, einem Surferdorf südlich von Agadir. Es ist endlich wärmer und das Städtchen very laidback. Wir steigen ab im kleinen Hotel eines Althippiefranzosen auf dessen Dachterasse schon die Ramones, Jimmi Page und so einige andere ihre Minztees genossen haben. Der Strand in der Nähe ist traumhaft, doch uns plagt Heimweh. Die Crew von der „Jasina“ hat uns ein Foto von der INTI gemailt und geschrieben,dass sie uns vermisst. Wir vermissen sie auch, denn wir merken immer deutlicher, wie super es ist, mit seiner eigenen Wohnung durch die Fremde zu reisen. Eigenes Bett, eigene Küche, abhängig von niemanden! Also düsen wir kurzerhand per Bus und Bahn nach Hause, wo wir am nächsten Morgen freundlich von unseren Nachbarn begrüsst werden. Die „Jasina“ ist noch da und mittlerweile ist auch die „Julie“ angekommen, mit deren Crew wir schon ein paar nette Abende in Portosin (Spanien) hatten. Wir verplaudern die Tage an Bord von verschiedenen Schiffen und es ist wirklich wie zurück nach Hause kommen, einfach nur schön! Die Capitana macht noch ein paar Tage Urlaub in Deutschland um bei der Hochzeit ihres Bruders dabei zu sein, während der Smutje das Boot für den grossen Schlag auf die Kanaren vorbereitet. Etwas durchgefroren kommt die Capitana mit ordentlich Stollen, Zimtsternen, Kaffee und Rum zurück. Wir feiern noch eine Grillparty auf der „Julie“ und dann geht es los auf den Atlantik. Zurück nach Europa, raus zu den Kanaren, unseren ersten Atlantikinseln!