Nun sind wir schon wieder auf dem Absprung, unsere zwei Monate Kuba sind vorbei. Es geht knapp 800 Meilen südwärts Richtung Panama. Doch zuvor noch ein Eindruck einer Stadt, der uns bestimmt nicht so schnell wieder loslassen wird. HAVANNA – eine magische Stadt, die uns sofort in ihren Bann zieht! Faszinierend und erschreckend, quirlig und lässig, Glanz und Pracht verschiedenster Epochen neben Zerstörung, Gammel und fehlendem Baumaterial. Paläste und Bauruinen, zwischen denen sich der kubanischen Alltag abspielt. Mehrere Tage schlendern wir durch diese Stadt und können uns gar nicht sattsehen und vor allem auch nicht satthören. Der Klang dieser Stadt ist einzigartig. So eine Geräuschkulisse haben wir in noch keiner Grossstadt erlebt. Kein Brummen verstopfter Verkehrsadern neben gestressten Grossstädtern auf überfüllten Bürgersteigen. Die wenigen Autos, Busse und Mopeds Havannas konzentrieren sich auf die Hauptstrassen, ansonsten liegt ein unglaubliches Gebrabbel und Geschnatter über den Gassen dieser Stadt. Die Habaneros scheinen von der typischen Anonymität anderer Grossstädte nichts zu halten und da auch Kriminalität kein Problem ist, stehen viele Fenster und Türen einfach offen. Da sitzen ein paar Damen zusammen im Wohnzimmer bei einem Daiquiri, vom baufälligem Balkon darüber plaudert die Mutti mit den Lockenwicklern im Haar mit ihrer Nachbarin vom Balkon gegenüber, ein paar Häuser weiter lässt eine junge Mutter einen Sack an einer Schnur herunter, in den ihr Mann die Einkäufe legt, ein schwules Pärchen flaniert selbst- und fremdverliebt im schrillen Outfit an uns vorbei, am Strassenrand sitzen Rentner bei einer Partie Schach oder Domino, Vati schmaucht eine Zigarre mit dem Genossen vom Revolutionskomitee, Jungs kicken einen Fussball durch eine Gasse, während in der nächsten der Baseballschläger geschwungen wird, zwei Männer tragen Truthähne an den Füßen, um sie zu verkaufen, ein paar Teeniemädchen kichern, während ein rausgeputzter Boy an ihnen vorbei stolziert, die Händler und Handwerker ziehen durch die Gassen und bieten in einer matraähnlichen Endlosschleife lauthals ihre Waren und Dienste an, ein muskelbepackter, tätowierter Mann schiebt einen Holzkarren, beladen mit Fleisch, die Strasse entlang, an der Ecke stehen ein paar Chicas in hautengen Miniröcken und stecknadelspitzen Absätzen und warten auf Einlass in einen der legendären Salsaclubs, morgens krähen die Hähne über der Stadt während nachts immer mal wieder Trommeln zu hören sind. Trommeln der verschiedenen Musikgruppen und Trommeln einer Santeria Zeremonie, die irgendwo die Orishas heraufbeschwört. Musik ist in der Hauptstadt Kubas natürlich allgegenwärtig. Touristengruppen lauschen im gewaltigem Innenhof eines zum Hotel rausgeputztem Barockpalastes den ewigen Hits des Buena Vista Social Club, ein paar Häuser weiter probiert eine Band, wie sich Jazzscalen mit kubanischen Rhythmen vertragen, in der Bar nebenan heizt eine andere Band ordentlich ein und es wird wild das Tanzbein geschwungen. Havanna scheint die Kulisse für das schrägste Theaterstück, das wir bisher gesehen haben, zu sein. Menschen wohnen in ruinösen Häusern, hinter den Eingängen sieht man in den Höfen Bäume wachsen, nur die Außenmauern mancher ehemals prächtiger Gebäude stehen teilweise noch, aber trotzdem weht im Hinterhof frische Wäsche auf der Leine im Wind, tritt auf einmal ein frisch pomadierter Jüngling aus einem vermeintlich unbewohnten Haus heraus, schallen uns Trompetenklänge entgegen. Keine Leuchtreklame verhunzt die Nächte. Im seichten Schein der Strassenlaternen scheint die ganze Stadt auf den Beinen zu sein. Alt und jung, Fidelist und Jungunternehmer, sie stehen zusammen an den kleinen Fenstern in den Erdgeschossen der Häuser aus denen heraus Getränke oder Snacks verkauft werden, der Erdnussverkäufer kommt scheppernd um die Ecke, er klopft an seinen kleinen blechernen Kohleofen, in welchem er die Nüsse röstet und sie dann in kleine selbstgedrehte Papiertüten verschwinden lässt, leuchtend gekleidete Menschen kommen vorbeigerannt und sind ebenso schnell wieder verschwunden, ein Hund jault einsam in der Vollmondnacht, die Frisöre arbeiten immer, rasieren den Jünglingen wundersame Muster in ihre Haare, die Friseurinnen lackieren unermüdlich Nägel, Schlüssel werden von Balkonen geworfen, rar Erworbenes wechselt unauffällig den Besitzer, die Fahrradrikscha klingelt uns aus dieser Traumwelt, die hier Realität ist. Es scheint, als lebte es sich hier in einem Film, in Häusern, die vom Zahn der Zeit, der salzigen Luft und der Abgase wie faule Zähne in die Höhe ragen, transportiert in Autos, die selten jünger als 30 Jahre sind. Als Kontrast fahren wir mit dem Bus nach Vedado, einem jüngeren Viertel Havannas. Hier haben sich die Mafiabosse Anfang des letzten Jahrhunderts unglaubliche Villen errichten lassen, um die Prohibition in den USA zu umgehen und ihre Glücksspielsalons zu betreiben. Auch diese Villen welken dahin, einige werden langsam wieder restauriert, aber andere sind völlig umschlossen von den einst prächtigen Gärten, ein Hauch Wildheit liegt in der Luft. Das Bild ändert sich schlagartig ein paar Strassen weiter, wo wir uns auf einmal in den 50er Jahren wiederfinden. Hier gibt es verruchte Jazzclubs, Jungs mit Tolle laufen durch die Strassen, ein herrliches Panorama mit den alten Amischlitten, die hier in Havanna gegenwärtiger sind als anderswo in Kuba. Dazwischen ein im sozialistischen Stil erbautes Kino und daneben ein ähnliches Hotel. Wir laufen am Malecón, Havannas Seepromenade entlang, Barden bieten ein Ständchen an, Popcornverkäufer kommen mit ihrem Wagen vorbei, Verliebte turteln auf der Kaimauer, eifrige Männer winken mit Karten von Restaurants, mutige Kerls springen hier in die nicht ungefährlichen Fluten und versuchen, uns unsere Schuhe, Sonnenbrillen, den Rucksack abzuschwatzen, und über allem sprüht die Gischt des Atlantiks über die Mauer, feine Tropfen sammeln sich zu Pfützen, in denen sich das milde Abendlicht spiegelt. Auch an der Promenade das gleiche Bild wie in der Stadt-ruinöse Gebäude, einst Prachtbauten, Art-Decó-Hotels, die schon bessere Tage gesehen haben, Baulücken, zusammengestürzte Häuser, aber zwischendrin auch moderne Hochhäuser. Zurück in Havanna Zentrum gönnen wir uns eine Pause und gehen in eine Kneipe. Hier wird aufgespielt, eine lustige Combo hat richtig Spass und heizt die Kneipe so richtig ein. Es wird getanzt, geflirtet, getrunken und viel gelacht. Eine wunderbare Energie entlädt sich in der Musik, Augen beginnen zu leuchten, Beine zu zucken und Herzen öffnen sich. Unsere Wege führen uns weiter, mit einem Mal landen wir auf einem Platz und finden uns in einer anderen Epoche wieder. Wären dort nicht die vielen Touristen würde man denken, wir tauchen ins tiefste Barock ein, denn die Plaza de la Catedral vermittelt einen tiefen, erdverbundenen, klobigen und trotzdem kühlen und erfrischenden Eindruck. Wir lassen uns nieder und unsere Gedanken schweifen in ferne Zeiten, wir sehen Kutschen, Fischweiber, Mönche an uns vorbeiziehen. So könnte es tagelang weitergehen, Havanna ist ein einzigartiges Freiluftmuseum, eine Stadt, die viel Platz zum Träumen und Fantasieren lässt, in welcher eine Lebensweise entstanden ist, die eine ganz eigene Dynamik hat, die trotz Mangel an so vielem eine Lebensfreude und Lebenslust ausstrahlt, die zeit- und grenzenlos erscheint, eine Energie, die unvergleichlich ist, ein Gefühl, welches bleibt. Wir sind nicht mit der INTI, sondern über Land nach Havanna gefahren. Zu umständlich wäre der Törn an die Nordküste gewesen und die Marina liegt weit ausserhalb der Stadt. So wohnen wir einer der typischen Casa Particulares. Das sind Wohnungen oder Häuser von Familien, die Zimmer untervermieten. Meist lebt man dort direkt mit der Familie zusammen und bekommt einen guten Einblick in den kubanischen Alltag. Mit unserem Vermieter haben wir jeden Morgen, wenn er uns das liebevoll hergerichtete Frühstück serviert, gute Gespräche, er bietet uns sogar sein Haus zum Verkauf an, welches ein Spottpreis für uns wäre, doch dürfen wir als Ausländer hier leider keine Immobilien kaufen. Das Haus liegt mitten im Havanna Vieja, in einer lebendigen Gasse, sehr zentral, hat fünf Meter hohe Decken, etliche Zimmer und ist in einem guten Zustand. Doch wir müssen uns schweren Herzens von dieser unvergleichbaren Stadt trennen, die uns mit einem Zauber belegt hat und uns gezeigt hat, wie es sich stolz und voller Farbe in einer Stadt leben lässt, an welcher der Zahn der Zeit unermüdlich nagt. Leider ist das Internet hier in Cienfuegos eine Katastrophe, so dass wir diesen Bericht wieder über Kurzwelle ins Netz stellen müssen. Das geht leider nicht mit Fotos, wir laden sie bei der nächsten Gelegenheit hoch. Via Kurzwelle von der INTI 21.05.2015 – 17:47 utc 22°07.64’N 080°27.20’W