Nach über fünf Wochen an einem Ort flüsterte uns die INTI eines nachts: Leute, macht die Leinen los, ich muss mich wieder bewegen! Ihr Ruf wurde von Smutje und Capitana mit offenen Ohren begrüsst, schnell war ein Plan da. Am Freitag, den 13. war es dann soweit. Dazu muss gesagt werden, dass es unter Seefahrern nicht üblich ist, an Freitagen zu starten, das bringt Unglück, und auch die Landratte bekommt am Freitag in Kombination mit der 13 kalte Füsse. Für uns war dieser Tag immer ein Glückstag: Wir kamen an einem Freitag, den 13. zusammen und seefahrertechnisch starteten wir am ebendiesen Tag auf die Biskaya, und- was soll man sagen: wir sind nach wie vor zusammen und auch gekentert sind wir nicht. Also, alles gut.

Am späten Nachmittag flitzten wir mit dem Hochwasser aus dem Paraiba, von unseren freundlichen Stegnachbarn mit viel Gewinke verabschiedet, einem selbstgemachten Chutney von Claudia (KASSIOPEIA) im Gepäck, auf das Meer hinaus. Doch STOP! Es ist Freitag. Und der 13. Irgendwas muss doch sein. Nach einer Stunde auf dem Fluss, es wurde gerade dunkel, brach ein heftiger Regenschauer über uns herein, dass kaum ein Ufer zu erkennen war. Glücklicherweise ist der Hafen von Cabedelo beleuchtet, so dass wir wenigstens eine kleine Orientierung hatten. Ein fieser Squall schubst die INTI kreuz und quer durchs Wasser, bis wir endlich die 100m Wassertiefe erreichen. Smutjes Mageninhalt erreicht auch noch rechtzeitig das Wasser, Marinas lassen die Seebeine einschlafen, das ist nicht gut. Langsam beruhigt sich die See etwas und wir segeln mit einem unglaublichen Tempo von bis zu 8,5 Knoten durch die Vollmondnacht, der Guyana-Strom schiebt kräftig mit. Am nächsten Morgen passieren wir Natal, ein Regenbogen spannt sich einmal über das Meer, umringt die Hochhauskulisse der Stadt. Und dann kam der Regen. Regen, Regen, Regen. Die Crew verkroch sich im Boot und lugte alle 15 Minuten mal raus, obwohl es kaum Sicht gab. Und wurde in der zweiten Nacht jäh von einem seltsamen Geräusch aus dem Dämmerzustand erweckt: es klang, als würden Muscheln auf das Deck prasseln, es knirschte und knisterte ganz eigenartig im Dauerregen. Capitana streckte als Erstes vorsichtig den Kopf nach draussen und war blitzschnell wieder unten. IIIIIIIIIIIIIIHHHHHHHHHH!!!!! Ein Schwarm fliegender Fische war, wohl auf der Flucht vor einem monsterartig grossem Räuber, auf unserem Deck gelandet, aber nicht nur auf dem Deck, sondern auch im Cockpit lagen unzählige geflügelte Gesellen herum. Mindestens zwanzig Stück hauchten mit offenen Augen ihren letzten Lebenshauch aus. Es waren diesmal nicht die kleinen Salzstangen, sondern richtig grosse Oschis. Und sie rochen auch sehr frisch. Smutje beseitigte in seiner gewohnten Abenteuerermanier das Massaker, der Regen peitschte ihm auf die nackte Haut, denn mittlerweile war der Wind auf über 20 Knoten gestiegen. Sein sonnenverbrannter Rücken wurde vom waagerecht fliegendem Regen förmlich ausgepeitscht. Doch er hielt sich wacker, beseitgte die zuckenden Leiber, reffte die Segel und stellte die Windsteueranlage neu ein, denn der Wind war nicht nur kräftig aufgefrischt sondern knallte uns auch noch auf die Nase. Wo kam das denn her? Davon stand zumindest nichts in den Stationsmeldungen und Gribfiles. Manchmal lohnt doch ein Blick auf die Wetterkarte, die uns unser zuverlässiger Wetterfrosch Norbert über den Äther geschickt hatte. Aha, dies ist also ein sogenannter Trog.

Capitana legte sich wieder hin. Und schon die nächste Katastrophe! Ihr war etwas schweres Nasses ins Gesicht geplumpst, uahhhhhhhh! Vor ihrem imaginären Auge war schon ein Riesenexemplar von einem fliegenden Fisch quer durch den Salon gerauscht um direkt auf ihrem Gesicht zu landen. Zum Glück waren es nur die vollgesogenen Socken, die sie unter das tropfende Fenster gesteckt hatte. Am nächsten Morgen kamen wir dann unserem Ziel schon näher. Von Weitem konnten wir die Ölplattformen im Meer erkennen, es wurde etwas heller, obwohl es nur eine hellere Grauschattierung am Himmel war. Doch als wir uns umdrehten und zurückschauten ahnten wir, aus welcher Hölle wir da gerade gesegelt waren: eine schwarze Wolkenwand, mit hell beleuchteten aggressiv wirkenden kleinen Wölkchen davor, die sich scharf vor dem Schwarz absetzten. So sieht wohl ein Trog aus der Entfernung aus. Und es hatte sich auch so angefühlt: als hätte man irgendetwas Grosses über uns gestülpt, das uns die Sicht nahm und viel Regen brachte. Wir liessen die Ölplattformen rechts von uns liegen und suchten die Einfahrt zu dem vielfach empfohlenen Galinhos, die garnicht so leicht zu finden war. Nachdem wir an der Ansteuerungstonne vorbei waren, merkten wir, dass es keine gute Idee ist, bei Niedrigwasser in diesen Kanal einzulaufen, unser Echolot sank rapide auf zwei Meter. Das wussten wir zwar  schon vorher, aber wir dachten, wir können es ja mal ausprobieren, vielleicht….geht es ja doch. Nun gut, also liessen wir den Anker plumpsen, machten uns ein schönes Frühstück und ein erholsames Nickerchen und fuhren dann kurz vor Hochwasser nochmal in den Kanal, und siehe da: es passte. Am späten Nachmittag gruben wir dann unseren Anker vor einer Sanddüne, ganz nahe am Strand ein, aßen noch was, entsorgten noch einige fliegende Fische und schliefen den tiefen Schlaf der gebeutelten Seefahrer. Am nächsten Morgen, bei Niedrigwasser, waren wir nur etwa zwei Meter vom Strand entfernt, doch der Tiefenmesser sagte uns, dass wir noch mindestens drei Meter unter uns hätten. Trotzdem zogen wir mit Dingi imTross Richtung Dörfchen, schmissen dort den Anker und ruderten an Land. Es war kurz vor Spiel: Deutschland gegen Portugal. Eine träge, sehr entspannte Stimmung empfängt uns. Wir fragen, wo es wohl einen Fernseher gibt. Hm, ja, Fussball, also, ja-am Strand. Wir hechten durch das Dörfchen, pastellfarbene Häuser, unbefestigte Strassen aus Sand, Esel und Pferde, die herumstreunen. Ein kleiner Dorfplatz mit einer fast surreal wirkenden hellblauen Kirche. Am Strand ist tote Hose. Ein paar Bars, die teilweise geschlossen haben. Um zehn nach eins (zehn Minuten nach Anpfiff) finden wir eine sehr sympathische Bar, bzw. Restaurant mit einem Fernseher. Wir lassen uns in die gemütlichen Schaukelstühle sinken und schauen uns dieses erfolgreiche Spiel an. Stadionatmosphäre kam nicht auf, denn ausser dem ziemlich gelangweilten Personal waren wir die einzigen Zuschauer vor dem kleinen Fernseher. Doch was für ein Zufall! Nach etwa einer halben Stunde gesellte sich ein deutschstämmiger Brasilianer zu uns, der stolz darauf war, sein Deutsch wieder aktivieren zu können. Sein Vater war auf der Flucht vor den Nazis in einem brasilianischen Hafen gelandet und als er sah, dass die dortigen Soldaten ihre Bajonette zum Putzen der Fingernägel benutzten, entschied er, dass dies der richtige Ort zum Leben sei.

Hier werden wir noch ein paar Tage die entspannte und vor allem moskitofreie Atmosphäre geniessen, bevor wir zu unserem nächsten Ziel, etwa 600sm entfernt, aufbrechen.