„Umwege erweitern die Ortskenntnis“ Kurt Tucholsky

Hindipop scheppert aus den Lautsprechern, auf der Strasse begegnen uns Indonesier und Inder auf Mopeds und Hollandrädern, hier eine Moschee, dort ein Hindutempel, dann eine Kirche und war das da eben nicht eine Synagoge? Überall riecht es nach Saté, Bami und Nasi Goreng aus Warungs und kleinen Küchen. Haben wir uns versegelt? Sind wir unbemerkt am Kap der Guten Hoffnung vorbei und in Indonesien gelandet? Nein das ist Surinam! Ein weiteres dieser Miniländer am Nordostzipfel Südamerikas. Der kulturelle Mischmasch von Französisch-Guyana hat sich noch einmal vervielfacht. Wir sind schwer beeindruckt, nicht zuletzt auch von dem friedlichen Miteinander der Kulturen und Religionen, das hier so problemlos zu funktionieren scheint. Auch sonst scheint dieses Land auf jeden Fall wieder ein guter Stop zu sein. So der erste Eindruck, wir werden sehen.

Doch zurück nach Französisch-Guyana. Aus dem geplanten kurzen Proviantierungsstop sind doch mal wieder über drei Wochen geworden. Eigentlich hatten wir nach Brasilien erstmal genug von den schlammigen und oft mückenverseuchten Mangrovenflüssen, doch als wir den Maronifluss zwischen Französisch-Guyana und Surinam hinaufmotoren erwartet uns ein komplett anderes Bild. Wir sind umgeben von dichtem unberührten Regenwald und werden von diversen Vögeln und Tiergeräuschen begrüsst. Das Wasser ist natürlich auch hier schlammig und lädt nicht gerade zum Baden ein, doch die Mücken scheinen kein besonderes Interesse an diesem Fluss zu haben. Nach etwa zwei Stunden Flussfahrt erwartet uns nach einer Flussbiegung das verschlafene Städtchen St. Laurent du Maroni und davor ein paar Segelboote vor Anker. Der Ankerplatz erweist sich als ruhig und sicher, es gibt einen prima Steg zum Anlanden, einen Wasserhahn mit Trinkwasser und das alles umsonst. Begrüsst werden wir von Sabine und Sven mit ihrem Katamaran BLUE FELIX, die uns den Platz empfohlen haben. Wir freunden uns schnell an. Sabine und Sven sind schon eine Weile hier und haben es überhaupt nicht eilig, ganz nach unserem Geschmack.

Gemütlich plätschern die Tage dahin, wir erholen uns von den oft rolligen Ankerplätzen der letzten Wochen, kochen mal bei uns oder auf der BLUE FELIX und hangeln uns von einem Markttag zum anderen. An den zweimal in der Woche stattfindenden Markttagen erwacht St. Laurent aus seinem Schlaf. Naja, sagen wir es wechselt über in Halbschlaf, schon beeindruckend wie langsam die Uhren in der drittgrössten Stadt Französisch-Guyanas ticken. Nachdem unser Speiseplan an den abgelegenen Ankerplätzen der letzten Wochen immer eintöniger geworden ist, lachen uns die diversen Gemüsestände nur so an. Endlich wieder frisches Gemüse und Obst!! Asiaten verkaufen Chilis, Pak-Choi, Thai Basilikum, Zitronengras und grüne Salate, dunkle Big-Mamas in bunten Kleidern sitzen vor Bergen von Ingwer, frischem Kurkuma, Yamswurzeln und Kochbananen, Indios verkaufen Räucherfisch, wilde Mangos und Maracujas. Es gibt Ananas, Papayas, Wassermelonen und leckerste Auberginen. Leider alles etwas teuer, denn wir sind zwar an einem ziemlich abgelegen Zipfel der Welt, doch auch mitten in Frankreich. Die Preise sind leider auch wie in Frankreich und gezahlt wird in Euro, was sich etwas merkwürdig in dieser Umgebung anfühlt. Kulturell scheint sich hier alles aus den ehemaligen Kolonien Frankreichs zu sammeln, was das Ganze noch verrückter macht. Auf dem Markt schlürfen wir beste asiatische Nudelsuppen von Laoten und Vietnamesen zwischen Afrikanischstämmigen, Ureinwohnern und hellhäutigen Franzosen. Daneben ein Rotistand, draussen ein Rasta am DJ-Pult. Die Weissen legen teilweise noch etwas koloniales Gehabe an den Tag und scheinen lieber unter sich zu sein, doch sonst scheint dieser Kulturmix ganz gut zu funktionieren. Wir werden zumindest überall freundlich begrüsst! Interessant ist auch die Volksgruppe der Maroons, die in dieser Gegend ihren Schwerpunkt hat. Maroons sind ehemals geflohene Sklaven, die gut versteckt vor ihren Häschern im dichten Amazonas Dörfer gründeten. Dort führen sie teilweise bis heute ihre afrikanischen Traditionen fort. Im von uns lang ersehnten grossen Supermarkt geht es allerdings eher französisch zu. Eigentlich ist alles aus Frankreich importiert. Ziemlich absurd, angesichts des reichhaltigen Angebots Südamerikas und sicher auch ökologisch nicht besonders wertvoll. Dennoch können wir es uns nicht verkneifen, mal wieder leckeren Käse, Croissants, Baguette und Rotwein zu kaufen. Das hatten wir schon seit den Kanaren nicht mehr!

Zu sehen gibt es in Französisch-Guyana neben der Natur vor allem ehemalige Knäste, in die die Franzosen bis in die 50er Jahre hinein ihre Sträflinge deportierten. Eine ziemlich grausame Angelegenheit, denn ein Grossteil der Häftlinge verreckte elendig an Hunger, Erschöpfung, Malaria oder anderen Krankheiten. Bekannt geworden sind die Knäste sicherlich durch das Buch und den gleichnamigen Film „Papillon“, in dem Mister Obersmart Steve McQueen versucht, durch diverse Ausbruchsversuche dieser Hölle zu entkommen. Heute sind diese Knäste vor allem Museen und in der ehemaligen Gefangenensammelstelle von St. Laurent entsorgen wir unseren Müll und zapfen am öffentlichen Wasserhahn Trinkwasser. Am Platz direkt daneben stand vorher die Guillotine!

Auf den Iles du Salut kann man jetzt in den Knästen übernachten und wir schauten auf unserem Stop dort in einem der Knastgebäude das WM-Finale. Nach dem WM-Sieg gab es natürlich ein Mordstrara, denn wir waren die einzigen Deutschen auf der Insel. Die Einheimischen beglückwünschten und übergossen uns mit Guyana-Rum. Spät nachts torkelten wir durch den Dschungel zurück zum Boot und hatten schon in unserer ersten Nacht viel über Land und Leute gelernt. Ein guter Einstieg! Die Iles waren bis auf den ziemlich ungeschützten Ankerplatz traumhaft. Die Natur holt sich die ehemaligen Knastanlagen zurück und durchzieht sie mit gewaltigen Baumwurzeln und Schlingpflanzen. Überall wachsen Palmen, springen die Affen und flattern Schmetterlinge. Das türkisblaue Wasser lädt zum Baden ein, auch wenn wir dabei ein etwa mulmiges Gefühl verspürten. In „Papillon“ wimmeln die Gewässer nur so von aggressiven Haien! Laut den Einheimischen alles Quatsch, aber wer weiß das schon so genau. Leider können wir in diesem kleinen Paradies mit seiner traurigen Geschichte nicht länger bleiben, denn unser Proviant neigt sich radikal dem Ende zu. Ausser einem überteuerten Menü in der Herberge gibt es absolut nichts zu kaufen und wir brauchen dringend mal wieder ein paar andere frische Vitamine als Zwiebel und Knoblauch.

Doch zurück nach St. Laurent. Zusammen mit der BLUE FELIX und dem dänischen Boot DANA beschliessen wir, an Land zu grillen und als am selben Abend noch das schwedische Boot IDA AMORESS mit Anders und Sussie einläuft, wird daraus ein regelmässiger Sonntagabend-Termin. Eine gute Gelegenheit, mal wieder etwas Seemannsgarn auszutauschen und erneut stellen wir erstaunt fest, wie klein doch die Seglerwelt ist. Immer wieder tauchen gemeinsame Bekannte in den Erzählungen auf.

Mit Sabine und Sven teilen wir uns auch einen Mietwagen und schauen uns ein bisschen im Land um. Wir fahren durch verschlafene Hmongdörfer die uns eher an Dörfer in Thailand erinnern, an einen Strand, der die Brutstätte für die Riesenlederschildkröte ist. Leider haben wir nur die Sandhaufen mit den leeren Eierschalen gesehen aber es war trotzdem schön, mal wieder Seeluft zu schnuppern. Weiter ging es über die Maroonstadt Mana, wo wir am Ufer des gleichnamigen Flusses scharfes asiatisches Essen zu uns nehmen, rein in den dichten Dschungel. Riesige, von Parasiten bewachsene Bäume, eine schmale Strasse durch roten Sandstein, klapperige Holzbrücken und unerwartete Schlaglöcher. Wir sind fasziniert, waren wir doch gerade am Meer, so sind wir auf einmal in einer völlig anderen Sphäre. Und nach dem Dschungel sind wir dann wieder bei unserem Boot, welches sicher im Fluss liegt. Wir sind völlig überwältigt von diesem kleinen Land, welches soviel verschiedene Flora und Fauna zu bieten hat. Ein weiteres Highlight ist noch der Raketenstart einer Ariane 5 vom Weltraumbahnhof Kourou den wir aber schon in einem anderen Beitrag beschrieben haben.

Die Tage plätschern im wahrste Sinne so dahin. Nachmittags gibt es meistens einen unglaublich starken Regenschauer, und wenn wir können, sammeln wir den Regen im Sonnensegel, nutzen das Wasser zum Duschen oder putzen damit das Boot. Es ist herrlich, die Temperatur fällt während der Schauer um einige Grad, und der Regen ist angenehm frisch. Wenn der Regen mal nicht kam, waren wir fast ein bisschen enttäuscht. Dann hies es weiter schwitzen. Hier in Domburg in Surinam können wir, nach zwei Monaten, wieder unter einer richtigen Dusche duschen. Ein irres Gefühl!  Nebenbei lernte Capitana Dingifahren und chauffiert nun fröhlich den Smutje durchs Wasser. Sehr zur Freude der kreuz und quer über die Flüsse sausenden Pirogenfahrer, die ohnehin schon kaum aus dem Staunen über unser merkwürdiges Bananaboot kommen.