So, wir sind dann mal wieder Landratten, diesmal aber freiwillig. Zu schade wäre es, an Marokko vorbeizudüsen ohne einen Abstecher ins Landesinnere zu machen. Nach zwei Nächten auf See, Zeit, um einige Betrachtungen über die Namensgebung von Schiffen anzustellen, schaukeln wir gemütlich in den gefürchteten Hafen von Rabat und Salé. Viele üble Geschichten von Schiffbrüchen mit Toten und Verletzten in der Hafeneinfahrt haben wir zuvor gelesen. Bei einer Welle von über zwei Meter und zur falschen Tide entstehen dort gefährliche Grundseen, die schon so einige Schiffe zum Kentern gebracht haben. Doch wir sind gut vorbereitet, die Vorhersage der Wellen ist günstig und wir treffen punktgenau  zum Hochwasser vor der Hafeneinfahrt ein. Vor uns wartet schon ein Lotsenboot, das uns in den Hafen und den Bou-Regreg Fluss hoch Richtung Einklarierungssteg lotst. Auf dem Weg dahin ein bizarres Bild. Auf bunten hölzernen Fischerbooten stehen dunkelhäutige Männer im Kaftan und recken uns ihren rechten Arm entgegen. Dazu ein kräftiges „cheil hiddler“ dann schallendes Gelächter, Schenkelklopfen und eine Geste die wohl sowas wie „ihr seid in Ordnung, nur ´n Scherz“ ausdrücken soll. Wir knattern weiter den Fluss hoch und kratzen uns ratlos die Köpfe.  Nach einem entspannten Besuch von Immigration, Zoll, Drogenpolizei mit Spürhund und gefühlten zwei Kilo ausgefülltem Papier, haben wir unsere erste Einklarierungsprozedur überstanden und sind nun auch offiziell in Afrika. Die netten Jungs vom Lotsenboot haben derweil alle Marinaanmeldungsgeschichten für uns erledigt, lotsen uns an den Steg und helfen uns beim Festmachen. Für alle Marokkonörgler in der Seglergemeinschaft: So eine entspannte Marinalandung haben wir selten erlebt, die Marina ist Tiptop, die Leute sind unglaublich freundlich und hilfsbereit und Bakschisch wollte auch keiner haben. Dazu kommt ein unglaublich günstiger Preis, von dem sogar noch 20% für Mitglieder des TO abgezogen werden. Wir sind begeistert! Dennoch, eine entmastete französische Yacht lässt uns einen kalten Schauer über den Rücken huschen. Der Skipper hatte die Fahrt ohne Lotsen und zu falscher Tide gewagt….Brrrr….

Höflich werden wir darauf hingewiesen, nun doch bitte die marrokanische Gastlandflagge zu hissen, doch -ähäm- wir haben keine. Also, nach zwei fast schlaflosen Nächten auf See und dem Delirium nahe, ab in die Medina von Salé, Flagge suchen. Wir verirren uns gnadenlos in dem Labyrinth aus Gassen und lassen uns durch das Gewirr aus Händlern, Eselskarren, Mopeds und Bettlern treiben, begleitet von den Rufen des Muezzins und den Düften der Strassengrills, Gewürz- und Fischstände. Ein Genuss, denn allen Vorwarnungen zum Trotz: in Salé kann man in Ruhe seinen Kulturschock pflegen, denn die Händler lassen einen angenehm in Frieden und solange man nicht stehen bleibt interessiert sich keiner für einen. Nun ja, beschissen werden wir an unserem ersten Tag natürlich schon. Wir hatten in der ganzen Aufregung glatt das Essen vergessen und starrten wohl wie hypnotisiert auf eine der Futterhöhlen am Strassenrand. Willenlos vor Müdigkeit und Hunger wurden wir hinein gewunken und mit Hähnchen, Pommes, Tomatensalat und scharfen Sossen bewirtet -Ups- wir haben vergessen nach dem Preis zu fragen und eine Karte mit Preisen gibt es auch nicht…was für ein Anfängerfehler….Der Kassierer reibt sich die Hände und gibt sich Mühe, möglichst ernst beim Rechnen zu gucken. Wir geben uns erst garnicht gross Mühe zu protestieren, reingefallen, selber schuld, das Spiel kennen wir schon von anderen Reisen. Der Preis ist auch nicht höher als in Deutschland, für Marokko allerdings ein Hammer, aber wir lassen uns die Laune nicht vermiesen und irren angenehm satt weiter durch die Bazare. Nach ein paar Stunden und kurz vor dem Aufgeben finden wir sie dann auch, die Gastlandflagge. Handgemacht und schwer wie ein Kissen, aber schön rot und mit grünem Stern. Die Etikette ist erfüllt.

Es salaam alaykum Marokko!

Für den Smutje ist es jetzt Zeit sich lang zu machen, während die Capitana noch etwas über ihre Wachen philosophiert:

Über die außergewöhnliche Benennung von Frachtschiffen und Tankern müssen hier ein paar Worte verloren werden. Denn wenn es langsam dämmert, die Nachtwache anbricht, der Mond auch schon wieder untergegangen ist, die Segelstellung stimmt, tja, da schaut man sich die vorüberziehenden Schiffe gerne mal auf dem AIS (Automatischen Identifikations-System) an. Wie beim Quartett vergleicht man die Größe, Länge, Geschwindigkeit.  Hinzu kommen die Ziele: Savannah, USA, Singapore, Montreal, Tanger…..Aber am Schönsten finde ich die Namen. So rauschte eines Nachts der „Handytankers Magic“ an uns vorbei, gefolgt von „Anna-Lene Schulte“. Mensch, da fragt man sich, wer dafür verantwortlich ist und was er sich dabei gedacht hat. Handytankers Magic. Ölkrise? Ich stelle mir einen  Film vor, die Besatzung des Tankers läuft irgendwo in Südengland ein und gerät ins „Swinging London“ der 60er. Magic everywhere-uuuuhuuuuhuuuuu. Hübsche Menschen tanzen unbekümmert durch die Strassen und die Handytankers mit ihren ölverschmierten Händen und Gesichtern mittendrin. Lange Rede, kurzer Sinn: Es entspinnt sich eine Liebesgeschichte zwischen einem Besatzungsmitglied des Handytankers und einem exzentrischen Londoner Girl, vielleicht war es aber auch eine emigrierte Deutsche, nämlich Anna-Lene Schulte (?), leider zum Scheitern verurteilt,sie möchte nicht mit und er kann nicht bleiben. Schade, aber so endet der Film. Was für ein Quatsch. Aber ich muss Euch sagen, bei sieben Knoten Fahrt im zweiten Reff an der Strasse von Gibraltar vorbei, schwingt das Hirn auch völlig frei. Ach so, dann gibt es noch Namen wie „Peace“ und „Enjoy“, eher Kategorie langweilig. Aber wenn des nächtens ein vollbeleuchtetes, riesiges „Pleasure Vessel“ an einem vorbeizieht, PamelaV, nach Antigua, was hält man dann davon?

Nach ein paar Tagen Eingewöhnung und Streifzügen durch die wunderschöne Kasbah von Rabat, lassen wir unsere INTI alleine. Wir steigen in den gnadenlos überfüllten Zug nach Marrakesch. Eingequetscht im Abteil vertreiben wir uns die Zeit mit einer netten Familie aus Libyen. Sprachbrocken werden ausgetauscht. Die drei kleinen Söhne wollen viel lieber durchs Abteil hampeln oder mit uns Grimassen schneiden als brav auf ihren Sitzen bleiben. Sie werden immer wahnsinniger und die Eltern kommen ordentlich ins Schwitzen und fangen an, sich zu entschuldigen, doch wir zwei Großfamilienkinder können nur grinsen und an unsere früheren Familienreisen denken. Nach ein paar Stunden erreichen wir dann Marrakesch. Hier stehen wir wieder vor einem Labyrinth aus Gassen, in dem sich das Gewusel von Salé nochmal ordentlich potenziert hat. Wir finden dennoch unser Riad (Guesthouse) und treffen am Abend auf dem berühmten Platz Djemaa El-Fna ein. Gaukler, Musiker und Schlangenbeschwörer dröhnen durch die Nacht und überall dampfen die Fressstände. Schnecken, Spiesse,  Lämmer die gefüllt und im Ganzen geschmort werden, CousCous, Tagines, frische Säfte und die verschiedensten Süssigkeiten aus Nüssen, Datteln und getrockneten Feigen. Zeit sich zu stärken, denn der nächste Stop wird die Wüste sein.