Tag 1 – Über die Biskaya von Falmouth nach La Coruna

Wir sind los Richtung Spanien! Vor dem Start wurden noch ordentlich Wetterdaten gewälzt, den Mast hochgeklettert und alle Anschlagspunkte der Wanten gecheckt und wild hin und her überlegt. Die Aufregung stieg merklich, denn zu viele Schauermärchen und Seemannsgarn hatten wir schon über die gefürchtete Biskaya gehört. Am Freitag den 13. sollte der Wind am Nachmittag langsam auf Nord drehen und uns gen Spanien pusten. Das passte nicht nur mit der Tide, auch das Datum klang vielversprechend. Aber wie das dann häufig so ist, lag das Timing der Wetterdaten voll daneben.

So fiel der Start dann auch recht heftig aus. Im gut geschützten Hafen sah noch alles fein aus und wir legten, voll mit frischem Diesel und Proviant, im feuchten Schmuddelwetter ab, voller Vorfreude auf die spanische Sonne. Aber kaum näherten wir uns dem Kap unterhalb von Falmouth bekamen wir voll auf die Mütze. 2-3 Windstärken versprachen die Wetterfiles, wir bekamen 6-7 Windstärken von vorne garniert mit heftigem Regen und ordentlich Welle. Der Smutje motzte an der Pinne wie ein Berserker die waagerecht fliegenden Regentropfen an und bekam als Dankeschön Gratis-Wellness mit Salzwasser von spritzender Gischt und Süsswasser aus frischem englischen Regen. Die INTI stampfte sich zudem natürlich ordentlich in den Wellen fest und wir kamen kaum voran.  Nach drei Stunden Gegenankämpfen, Kreuzversuchen und Hoffen auf den Nordwind wollten wir dann das Handtuch werfen. Wir drehten  den Bug wieder gen Falmouth. Eine heisse Dusche und ein warmer Pub mit einem grossen Frustbier vor Augen surften wir mit Wind von hinten und kleiner Fock wie die Wilden über die von hinten kommenden Wellen. Das machte zugegeben einen Höllenspass, wäre es nicht komplett die falsche Richtung gewesen.

Doch siehe da, nach einer halben Stunde mussten wir das Segel dichter und dichter holen auch da bekamen wir den Wind wieder voll auf die Nase! Aha, da war sie also: die versprochene Winddrehung! Also wieder gedreht und Kurs La Coruna! Die Freude hielt sich allerdings noch in Grenzen. Wir kamen zwar super voran aber völlig durchgeweicht wurden wir in der Restdünung des Westwindes erstmal ordentlich durchgeschüttelt. So begab es sich dann auch, dass der Smutje das erste Mal auf dieser Reise ordentlich die Fische fütterte. Wie ein Elch röhrte er in die dunkle Nacht und die frisch gekochten Spaghetti blieben erstmal unberührt. So ein Jammer, denn die Capitana hatte bei dem Geschaukel unter Deck ein echtes Glanzstück an Kochakrobatik absolviert. Hin und her rollende Möhren und Zwiebeln gebändigt, und verkeilt im schrägen Winkel mit den Töpfen jongliert.

Als dann noch dreimal die Sicherung unserer Positionslaterne gewechselt werden musste, wurde das ganze so absurd, dass wir langsam Faschingslaune bekamen und nur noch darüber lachen konnten. Nach kurzer Zeit beruhigte sich aber nicht nur Smutjes Magen, auch die Dünung wurde angenehmer und die Laterne tat wieder ihre Arbeit. Es schwankte zwar immernoch ordentlich, aber die Windsteueranlage tat mal wieder zuverlässig ihren Job und der Himmel klarte auf zu einem grandiosen Sternenhimmel. Wir hielten abwechselnd, angegurtet und dick eingepackt Wache in der noch ziemlich nasskalten Nacht. Der Verkehr der grossen Pötte hielt sich glücklicherweise in Grenzen und als der Smutje zum Sonnenaufgang ziemlich verpennt den Kopf aus der Kajüte streckte, um die Capitana von ihrer Wache zu erlösen stand sie ganz entzückt im Morgengrauen. „Das Meer ist soooo schön“ erklang es und da war sie: die lang ersehnte Ozeandünung. Wir standen glücklich da im Sonnenaufgang, während sich die INTI sanft in den langstrecken Atlantikwellen hob und senkte. Die steilen Hackwellen des Kanals schienen ein Ende zu haben. Als wäre es nicht genug kam auch noch die Sonne raus und um uns herum begann das grosse Delphintheater. Eine Delphinschule tanzte um unser Boot als wollten sie uns im Atlantik begrüssen. Sie sprangen und tanzten um uns herum, spielten mit unserer Bugwelle und streckten ihre freundlich grinsenden Gesichter zu uns heraus. Wunderschön! Die Strapazen des letzten Tages waren wie weggeblasen. Die Sonne hielt dann auch den ganzen Tag an, so dass wir unsere durchnässten Sachen trocknen und uns wieder richtig aufwärmen konnten. Jetzt ist es wieder Nacht und der Smutje schiebt Wache unterm Sternenhimmel. Keine grossen Schiffe weit und breit, alles gut, noch 295 Meilen bis Spanien!

Hier ist die Capitana in der Nachtwache….Smutje liegt in der Koje und ich staune über einen gigantischen Sternenhimmel. Der Halbmond geht gerade unter, wie eine Orangenscheibe am Cocktailglas fällt er ins Meer. Ich zähle die Sternschnuppen, die Luft wird wärmer und weniger feucht. Wie haben die das bloß mit den Delphinen gemacht? Alle schreiben von ihnen und ich muss ja sagen, auch ich habe auf sie gewartet und dann, pünktlich bei Sonnenaufgang, waren sie dann auch, wie bestellt, da. Ob da irgendeine Fremdenverkehrsbehörde ihre Finger im Spiel hatte? Naja, es war einfach ein wunderschönes Spektakel, wie sie da unter unserem Boot durchtauchten und ihren Spaß hatten. Und meine Überlegung steht auch noch: Kochkurse bei 30 Grad. Aber nicht Temperatur, wär ja dann auch nicht kochen. Sondern schnipseln, braten, usw. im 30 Grad-Winkel geneigt. Aber nicht nur in eine Richtung. Nein, hin und her und das eher unkontrolliert. Mit Erbsen braucht man da garnicht anzufangen. So, jetzt klapp ich hier mal zu, viel zu hell, denn jetzt, wo der Mond weg ist, ist es janz schön duster. Ich beobachte mal ein bißchen unsere Galaxie. Bis bald!

Tag 2 – Auf der Biskaya

Es ist wieder Nacht und Smutje nutzt seine Wache um ein paar Zeilen zu schreiben. Wir schaukeln 150 Meilen vor La Coruna, und wie wir schaukeln! Die letzen 20 Stunden  waren eher von der harten Sorte. Als würde der Atlantik uns auf die Probe stellen wollen, zeigte er uns nochmal seine Zähne. Die letzten Stunden der Nacht schossen die Delfine noch wie wild um unser Boot herum und zogen, erhellt durch das leichte Meeresleuchten, leuchtende Schweife durch das Wasser. Der Morgen begann auch recht friedlich mit einem wunderschönen Sonnenaufgang.  Dann briste es auf und wir konnten endlich wieder die Segel setzen und dem Motor nach 15 Stunden Dauerbetrieb seine wohlverdiente Ruhe gönnen. Als wir dann die Wetterdaten checkten, sah alles nicht mehr so doll aus. Sturmwarnung in Südengland und auch bei uns Starkwind mit „very rough sea“. Der Wind sollte zudem auch noch auf Südwest drehen also, wie auch sonst, wieder direkt von vorne. Der Smutje band sicherheitshalber schon mal das 2. Reff in das Segel, und da ging es auch schon los. Die See wurde immer wilder und der Wind drehte auf Südwest und nahm deutlich zu. Wir konnten unseren Kurs gerade noch so halten und die INTI schoss voll gerefft und mit ordentlich Schräglage durch die tosende graue See. Glücklicherweise war der Winkel der Wellen überwiegend günstig für uns, so dass wir sie gut nehmen konnten. Doch hin und wieder krachte doch ein Brecher über den Bug und das Wasser fetzte nur so über das Schiff. Ein ausgewachsener Sturm wurde es dann aber glücklicherweise nicht denn wir waren schon weit genug südlich gekommen um nicht die volle Breitseite abzubekommen. Selbst wenn, wir hatten Brest schon passiert und sicherheitshalber schon mal einen ordentlichen Schlenker nach West gemacht und einen Sturm sicher abwettern zu können. So machten wir uns auch nicht allzu viele Sorgen. Beeindruckend war das ganze dennoch auch, weil die INTI mal wieder zeigte, was für ein tolles Schiff sie ist. Wir nahmen das ganze mit Humor, denn das Bewegen im Schiff wurde zu einer echten Herausforderung. Jeder von uns machte die Erfahrung, einmal aus dem Klo herauskatapultiert zu werden, denn bei einem bestimmten Krängungswinkel fliegt  unweigerlich die Klotür auf und du wie eine Rakete hinterher. So muss sich eine Kugel im Flipper bei vollem Einsatz fühlen! Moonwalk läuft bei solchen Schiffsbewegungen von ganz allein…

Zu allem Überfluss kreuzten wir zu der Zeit auch noch die direkte Linie, die das Verkehrstrennungsgebiet  Brest mit dem vom Kap Finstere verbindet. Das hiess Tanker, Containerschiffe und andere Ozeanriesen überall. Das verlangte natürlich immer wieder ein wachsames Auge, doch erstaunlicherweise kam uns keiner zu nahe, die, die fernab auf uns zuhielten wichen brav aus und wir mussten nur einmal den Kurs korrigieren. Nach einiger Zeit hatten wir das Gebiet dann aber endlich passiert und brauchten nur noch alle 15 Minuten den Kopf für einen Rundblick aus der Kajüte strecken, den Rest übernahm der Autopilot, der einsam in der spritzenden Gischt hin und her surrte. Im Augenblick ist es nachts um 4, der Wind hat endlich wieder in eine günstigere Richtig gedreht und das Wetter hat sich auch deutlich beruhigt. Wir schaukeln in tiefschwarzer Nacht mit 5000 Metern Wasser unter dem Kiel und ich bin gespannt was der Atlantik morgen so für uns bereithält. Die Wetterdaten sehen auf jedenfalls schon mal besser aus.

Capitana hält sich an dieser Stelle bewusst raus, denn sie ist genervt.

Tag 3 – Auf der Biskaya

Die 4. Nacht auf See ist angebrochen. Noch 60 Meilen bis La Coruna und wir sind zuversichtlich, im Morgengrauen Land zu sichten.

Den heutigen Tag war erstmal Entspannung angesagt. Der Wind flaute ab auf 4-5 Windstärken und drehte so, dass wir ihn gemütlich von schräg hinten hatten. Wir rollten die Fock wieder voll aus, liessen aber dennoch das 2. Reff im Gross stehen und schaukelten so mit gemütlichen 5-6 Knoten weiter unserem Ziel entgegen. Die Wellen, die unter uns hindurch rauschten waren beachtlich, wahrscheinlich hervorgerufen von dem Sturm, der die See nördlich von uns immernoch heftig beutelt. Die Wetterdaten sprachen von 4 Metern, da es  sich aber um einen Durchschnittswert handelt kann man die Höhe einzelner Wellen locker verdoppeln, gefühlt war es dann noch höher. Es ist schon beeindruckend, wenn so ein grosser blauer Berg hinter uns angerollt kommt, die INTI dann aber erstaunlich sanft anhebt und wieder hinter sich absenkt. Ozeandünung, langgestreckt und gewaltig. Bei hartem Wetter wahrscheinlich heftig, aber so ein berauschendes Spektakel.

Schiffe haben wir auch so gut wie keine gesichtet und so hatten wir genug Zeit, die Seele baumeln zu lassen, zu lesen, schlafen und mal wieder richtig zu essen. Zudem fanden wir endlich Zeit, das Chaos des letzten Tages aufzuräumen und kleinere Reparaturen zu machen. Die Positionslaterne im Mast hatte sich zu einem Funkellicht verwandelt. Zum Glück war es nur der Schalter und nicht die Laterne oben im Mast. Darüber hinaus fetze im Morgengrauen der automatische Pinnenpilot aus seine Verankerung. Wie der Smutje bei der Reparatur feststellte, ist diese nur durch einen dünnen Metallstift gesichert. Ein Prosit an die Konstrukteure, was die sich wohl dabei gedacht haben? Vermutlich nicht viel… Nach ein bisschen Biegen und Klopfen war das Teil auch wieder in Ordnung, aber wir laufen lieber weiter unter der Windsteueranlage. Die passt sich eh gemütlich dem Wind und der Welle an, als stur geradeaus zu bolzen. Ansonsten ist nicht viel passiert. Die Delfine veranstalteten eine kleine Guten-Abend-Show zum Sonnenuntergang und sprangen wie verrückt durch die Wellen, das Meer beruhigt sich immer mehr und es wird merklich wärmer. Spanien wir kommen!

Tag 4 – Die letzten Meilen

Die 4. Nacht entwickelte sich dann doch nicht so entspannt wie angenommen. Kaum das Laptop zugeklappt zeigte sich am Horizont eine wilde Show aus funkelnden Lichtern. An der Stelle, an der die Biskaya ziemlich abrupt von 5000 auf 200 Meter Wassertiefe ansteigt tummelten sich die Fischerboote. Aber was für Fischer mögen das sein? Schleppen die Netze hinter sich her oder Leinen oder sonst irgendwelches Gerät? Da war doch was mit Lichterführung…Grün-weiss oder rot-weiss…scheint hier keinen zu interessieren, Hauptsache hell und Disco.

Egal, wir schlängelten uns durch und waren eh am Segeln, was sollte sich da schon verhaken? Als der Spuk vorüber war und die Capitana den Smutje von seiner Wache ablösen wollte, war das Segeln dann aber auch vorbei. Der Wind schlief ein. Das ist besonders lustig in dieser Gegend, wo das Meer schlagartig flacher wird. Das bedeutet nämlich, dass die Wellen schlagartig höher und diffuser werden. Unter Motor und ohne Segel verliert das Boot zudem noch mächtig an Stabilität. So wurden wir dann auch mal wieder wie die Irren hin und her geschaukelt. Segel bergen in der Achterbahn, in der Dunkelheit den Winkel der Wellen einschätzen und dazu noch Navigieren. Müde knurrend sass der Smutje an der Pinne, denn mit der Welle wollte der Autopilot einfach nicht mehr den Kurs halten. Die Capitana durfte derweil im Inneren des Schiffes eine Riesensauerei beseitigen. Während wir oben die Segel und Leinen bändigten, hatte unter Deck eine kleine Schaumparty stattgefunden. Ein eigentlich sauber verzurrter Feuerlöscher hatte sich gelöst und war direkt auf den Auslöseknopf geknallt. Wir hatten wieder Faschingslaune! Glücklicherweise beruhigte sich das Ganze aber zumindest so weit, dass der Autopilot wieder arbeitete. Der Smutje konnte daraufhin für 2-3 Stunden ein halbes Auge zumachen, während die Capitana in die schwarze Nacht starren musste und uns sicher weiter Richtung Coruna navigierte. Langsam tauchten auch die Lichter der Küste auf und im Morgengrauen erhob sich die felsige Küste Galiziens mit dem Torre de Hercules aus dem Dunst. Wir schiessen, immernoch mächtige Wellen im Rücken, in die Bucht von La Coruna. Gut, dass wir uns immer gut von der Küste freigehalten haben, denn hier knallen die Wellen mit einem Mordsgetöse gegen die Felsen.

Sicher biegen wir um die Hafenmole und siehe da: der Spanische Zoll ist extra schnell. Als wir noch kurz vor der Marina im endlich ruhigen Wasser die Fender und Leinen zum Anlegen vorbereiten, kommen sie auch schon mit ihrem Gummiboot angesaust. Doch die Jungs sind hier extrem entspannt und locker und als sie merken, dass der Smutje spanisch spricht entschuldigen sie sich schon fast dafür, unsere Papiere kontrollieren zu müssen. Der Kollege im Gummiboot macht derweil wie wild Handyfotos von uns mit den Beamten auf dem Schiff?! Dann können wir endlich in den Hafen, die Leinen festmachen, das Boot aufräumen und heiss duschen. Jetzt sitzen wir glücklich in einer Bar und geniessen ein paar Tapas mit einem kühlen Bier. Gleich geht’s zurück und heisst erstmal schlafen, schlafen, schlafen. 4 Tage auf See, spannend war es!