Wir befinden uns inmitten der Panama vorgelagerten San-Blas-Inseln, einer bei Touristen beliebten, von der Schifffahrt jedoch gefürchteten Inselgruppe, die sich mit unzähligen Atollen und Felseninseln mehr als 30 Seemeilen entlang der Küste erstreckt. (…) Ein Horrortrip beginnt. Knapp haben wir uns von den zwei Inseln freigesegelt und sind dann der einen so gerade eben entlanggeschrammt, als vor uns, weiter seewärts gelegen die nächste auftaucht. Zuerst sehen wir Palmwipfel, bald darauf den weissen Strand, dann das tosende Meer, gebremst vom schützenden Korallenriff. (…)  Ich verfluche diese Inseln mit ihrem goldgelben Strand, mit grünen schlanken Kokospalmen, der klaren Lagune. Ein sonnenüberflutetes Paradies bei Tage, doch die Hölle in stürmischer Nacht mit den tückisch unter der Wasseroberfläche lauernden Korallen, deren rasiermesserscharfe Zähne unser Schiff in kurzer Zeit zu Sägespänen zermalmen würden. Aus Hugo Wehner „Tagedieb und Taugenichts“

Es ist 1977, die Zeit vor GPS und Internet. Die Zeit vor Facebook, Google, Blogs und all den anderen Foren. Ein wenig melancholisch denken wir über diese Zeit nach. Da war Segeln noch um einiges abenteuerlicher und spannender als es auch so schon ist. Was muss es für ein Hochgefühl gewesen sein, nach Tagen auf See nur mit Sextant, Logge und Kompass eine kleine Inselgruppe am Horizont zu entdecken. Ist es die Richtige? Wie mag es da aussehen? Wie sind die Bewohner drauf? Bekommen wir da Proviant und Wasser? Echtes Abenteuer! Aber schnell verblassen diese Gedanken wieder. So einige schöne Gebiete wurden in dieser Zeit aufgrund der schwierigen Navigationsbedingungen lieber im grossen Bogen umschifft. Wir hingegen geniessen das von Wehner so verhasste San Blas in vollen Zügen, schlängeln uns haarscharf durch die Riffe zu den vielen kleinen Palmeninseln, ankern geschützt vor den Brechern am Aussenriff an ruhigen Ankerplätzen, verkriechen uns einfach hinter einem besser schützenden Riff, falls es doch mal ungemütlich werden sollte. GPS ist schon eine super Erfindung, die das Segeln um einiges leichter macht! Dazu braucht man natürlich noch die passenden Karten von diesem prinzipiell eher mies kartographierten Gebiet. Laut unseren Standardkarten der grossen Kartenanbieter müssten wir eigentlich schon zerschellt und gesunken sein, so viele Riffe und Inseln haben wir darauf schon gerammt. Sie taugen einfach garnichts hier! Unser Freund Eric, mit dem wir letztes Jahr Weihnachten gefeiert haben, hat da Abhilfe geschaffen. Er hat ein wunderbares Buch über Panamas Gewässer geschrieben, voller detaillierter, sehr genauer Karten, Luftbildern, Wegpunkten und Revierbeschreibungen. Obwohl sie eigentlich immer stimmen, sind wir aber dennoch vorsichtig. Es könnte ja doch ein neuer Korallenkopf oder eine Sandbank seit der letzten Ausgabe entstanden sein. Mit Adleraugen und der Sonne im Rücken steht die Capitana im Bugkorb wenn wir unseren Weg durch die Riffe suchen. Anhand der Färbung des Wassers und dem Verhalten der Wellen lassen sich so gut die gefährlichen Untiefen erkennen. Das haben wir zwar schon ausführlich in den „Jardines de la Reina“ vor Cuba geübt, ist aber immernoch ein guter Nervenkitzel für uns. In einer besonders kniffeligen Einfahrt bekamen wir auch Hilfe von zwei Delfinen, die uns perfekt durch die ziemlich enge Riffdurchfahrt lotsten. Zufall? Wer weiss das schon…

Immer wieder wandern unsere Gedanken nach Polynesien, wo das Ganze noch komplizierter wird, San Blas, oder Polynesien light wie einige sagen, ist auf jeden Fall ein gutes Trainingsgebiet dafür! Aber nicht nur in punkto Navigation kann man sich hier gut vorbereiten, auch die Versorgungslage mit Proviant ist ähnlich. So beobachten wir genau, wie unser Vorräte schrumpfen und auch die Selbstversorgung klappt immer besser. Brot haben wir ja schon immer gebacken, aber jetzt kommt noch unser eigener Joghurt dazu und auch mit Kokosnüssen kann man so einiges anstellen. Geraspelt lassen sich daraus z.B. wunderbare Chips rösten, Currys kochen oder mit etwas Limettensaft, Zwiebel und Chili ein Salat zaubern. Auch die Fischversorgung klappt immer besser. Mit der Handleine sausen wir mit dem Dingi die Riffe entlang und fischen Jacks und Kingfische und auch beim Harpunieren stellen sich die ersten Erfolge ein. Die Krönung bildet ein ordentlicher Grossaugenthunfisch, der eines Tages an der Schleppleine der INTI hängt. Erst roh als Sushi und im nächsten Schritt mariniert in Limettensaft und Teriaki und danach kurz gebraten liefert er einen wahren Gaumenschmaus.

So plätschert die Zeit dahin im schönen Guna Yala. Inselhopping im Paradies. Mal schaukeln wir allein von unserer ganz privaten Robinsoninsel, mal gemeinsam mit alten und neuen Bekannten an einem der Treffpunkte. Täglich gehen wir schnorcheln und bewundern die Vielfalt der Unterwasserwelt. Bestaunen Korallen, Haie, Rochen, Schildkröten und die vielen bunten Rifffische. Ein Abwechslung bietet ein Ausflug den Rio Diablo hoch. Unsere salzverkrusteten Körper sehnen sich nach einem süssen Bad und flussaufwärts, direkt unter der Stelle wo das Trinkwasser geschöpft wird, soll eine Badestelle sein. Also knattern wir durch den tiefen Dschungel den Fluss hoch und ernten viel Gelächter und Gewinke von den vielen Kunas, die ebenfalls auf dem Fluss unterwegs sind. „Barco curioso“ – sonderbares Boot- rufen sie uns von ihren Lanchas und Einbäumen herüber, so ein komisches Bananaboot im Dschungel kommt wohl nicht so häufig vor. Als wir, die beiden grossen Weisshäute, dann auch noch voll eingeseift neben unserem „barco curioso“ im Fluss liegen und gerade darüber nachdenken ob es hier wohl Krokodile gibt, nimmt das ganze seinen vorläufigen Höhepunkt. Ein Boot mit jungen Mädchen biegt um die Ecke die vor lauter Winken und Gekicher fast aus dem Boot fallen. Werden wir ausgelacht? Ist uns egal, wir winken zurück und freuen uns! Ist es nicht schön, so als Fremder begrüsst zu werden?! Wir würden gerne einmal ein paar von der Pegida, AfD oder wie sich diese Heinis sonst noch so nennen als Lehrgang in unserem barco curioso den Rio Diablo hochschicken…

Zu feiern gab es natürlich auf so einiges. Überrascht stellen wir in dieser zeitlosen Atmosphäre eines Tages fest, dass Ostern ist. Mit einem Osterfeuer und vielen Leckereien diverser Boote wird es ausgiebig zelebriert. Zu Smutjes Geburtstag zaubert die Capitana den traditionellen gedeckten Apfelkuchen. Da sie nur zwei Äpfel auftreiben konnte, wird er verlängert mit Mango, Ananas und einem ordentlichen Schuss Rum. Auch gut!
So könnte es ewig weitergehen, aber so langsam machen sich die ersten Ausläufer der Regenzeit bemerkbar und die kann an der Atlantikküste Panamas mit ihren unzähligen Gewittern ganz schön anstrengend werden. Ein bisschen bleiben wir noch, aber unser Kompass dreht sich langsam aber sicher Richtung Panamakanal.