Es ist dunkel geworden. Um uns herum plätschert die See und hinter uns rauscht die Brandung ans Ufer. Der abnehmende Mond weist uns den Weg zu unserem Boot, um uns herum kleine Schwärme fliegender Fische, die mit einem leisen „Flapp“ wieder im Meer landen, ihre durchsichtigen Flügel leuchten im Mondschein. Wir sitzen in unserem Dingi und rudern zu unserer INTI zurück. Wir sind immernoch auf der kleinen kapverdischen Insel Maio und haben uns verliebt. Es ist keine Liebe auf den ersten Blick, eher ein fröhliches, glückliches Glucksen im Bauch. Auf den ersten Blick sehen wir eine Bauruine, die den Strand verschandelt, doch auf den zweiten entdecken wir die wunderschönen Strände drumherum. Und dann die Menschen, sie sind einfach unglaublich offen und freundlich hier. Sowohl die Einheimischen, als auch die Handvoll Ausländer, die hier leben.  Über allem schwebt der Soundtrack der Band „Pupkulies und Rebecca“. Sie kommen aus Deutschland und kennen Maio schon sehr lange. Gemeinsam haben sie mit Tibau, einem einheimischen Musiker, eine wunderbare CD produziert. Musik voller Sehnsucht, Lebensfreude und dem Gefühl des unglaublichen Glücks, wenn der Regen kommt.

Viele Menschen kreuzen hier unseren Weg und wir machen die Erfahrung, längere Zeit am Anker zu hängen. Unser erstes Anlanden mit dem Dingi klappt erstaunlich gut, wir warten eine passende Welle ab und surfen an den Strand. Unter den Blicken der vielen Leute, die ihren nachmittäglichen Drink in der Strandbar zu sich nehmen und mal wieder ein spannendes Kinoprogramm direkt vor ihrer Nase erwarten, nämlich ein sich in der Welle überschlagendes Dingi mit tropfnassen sandgestrahlten Seglern. Wir ernten Bewunderung und schulterklopfend werden wir von den Barbesuchern freundlich in Empfang und Beschlag genommen, eigentlich wollen wir doch nur schnell was einkaufen gehen und uns das Örtchen mal ansehen….

Und so geht es seit beinahe drei Wochen, kaum sind wir an Land angekommen, treffen wir auch schon die ersten bekannten Gesichter oder lernen neue kennen, werden hier zu einer Bareröffnung eingeladen und dürfen dort mal unsere dreckige Wäsche in die Maschine schmeissen und unsere Süßwasserkanister auffüllen. Wir werden von Martin, dem schweizerischen Barbesitzer eingeladen, uns seine Farm in the middle of nowhere anzusehen, eine wackelige, staubige Fahrt auf seinem Pickup. Ein Haus mit viel Land drumherum, ein großer Garten, alles noch trocken und staubig. Doch mit leuchtenden Augen erzählt Martin uns, was daraus noch werden soll und wir können uns das alles gut vorstellen. Die Ruhe in dieser Einöde ist enorm. Auf dem Weg zum nächsten Örtchen platzt der Reifen und wir stehen mitten in der Steppe, ein paar Ziegen und Rebhühner suchen das Weite aber der Reifen ist schnell gewechselt. Routine. Carolyn, Martins Frau, lädt uns ein, das Video zur Entstehung der CD von „Pupkulies und Rebecca“ anzuschauen. Wir kuscheln uns mit anderen Gästen in ihrem Schlafzimmer aufs Bett und sind gerührt und begeistert von den Menschen, die von ihrer geliebten Insel erzählen, die singen und tanzen, aber auch von dem Verlust der Fischer sprechen, die auf das Meer gingen und nicht zurück kamen.

Wir erkunden ein wenig die Insel, laufen vorbei an ehemaligen Salinen an einem endlosen Strand entlang, hier sind wir die Einzigen, nur ein paar tote Portugiesische Galeeren liegen im Sand. Unglaubliche Lebewesen, ein Zusammenschluss aus Vielen, die gemerkt haben, dass es sich gemeinsam effektiver lebt. Ab und zu schwimmen sie auch mal an unserem Boot vorbei, wie Quallen mit türkisem bis violett gefärbtem Segel. Am ersten Abend an Land erlebten wir ein weiteres Highlight der Natur, die normalerweise fröhlich kreischenden badenden Jugendlichen blicken gebannt aufs Meer: ein Walpärchen taucht auf und ab, sehr gut zu sehen, in anmutigen Bewegungen ziehen sie ihre Bahn, nach dem anfänglichen Staunen bejubeln die Jugendlichen später jeden Sprung, klatschen, pfeifen und sind hellauf begeistert, bis die Beiden irgendwann hinter der Mole am Horizont verschwunden sind.

Das bunte Dörfchen hat einen ruhigen Beat. Überall werden wir von freundlichen Menschen begrüßt, die Kinder machen Späßchen mit uns. Ab und zu kommen ein paar Ziegen vorbeigetrottet, auch mal eine Kuh, Hühner picken glücklich vor sich hin, Hunde stehen auf den Dächern der kleinen Häuser. Die kleine Markthalle im Dorf hat nicht viel zu bieten. Es gibt drei Stände und wir sehen zu, dass wir, wenn das Versorgungsschiff da war, frisches Obst und Gemüse ergattern können. Unsere Lieblingsmarktfrau hat sich vom ersten Tag an Capitanas Namen gemerkt, und so schallt es jedesmal schon von Weitem: „Comprar, Claudia-todo fresco…..“ Und wir lernen die meisten kreolischen Worte beim Einkaufen auf dem Markt. Meistens wandert noch ein bisschen mehr Obst und Gemüse in unsere Tüte, denn die Marktfrau mag uns. Viele Frauen tragen ihre Waren auf dem Kopf und wir freuen uns jedesmal, wenn es frischgebackenes „coconut-bread“ gibt, eine Köstlichkeit. Leider wird momentan nicht viel Fisch gefangen, doch ab und zu läuft auch mal eine Frau mit einem großen Stück Thunfisch auf dem Kopf an uns vorbei.

Auch die Fischer kennen uns, denn wir sind, außer Martins gelber Ketsch das einzige Boot in dieser Bucht. So bekommen wir eines Morgens einen Anruf von der Bar. Unser Dingi wollte mal alleine was erleben und hat sich losgerissen, wir haben davon natürlich nichts gemerkt. Capitana springt heraus, mit dem Fernglas bewaffnet, und sieht schon von Weitem ein kleines Fischerboot angedüst kommen, welches das Dingi geladen hat. Schnell ist es wieder fest verknotet und die Fischer bekommen, nach einigen Verhandlungen, das Geld für ihr Benzin zurück. Es war wohl schon sehr weit abgetrieben, von Land von etlichen unserer Freunde beobachtet, da gabs mal wieder Gesprächsstoff in unserer geliebten Strandbar. Smutjes Besuch beim Dorffriseur endet, mangels Kommunikationsmöglichkeiten, damit, dass er mit einem akkuraten Kurzhaarschnitt, a la Caboverde, nachhause kommt. Jetzt ist er nicht mehr „el surfista“ (Surfer), wie er in Mindelo liebevoll von den Einheimischen genannt wurde. Aber wächst ja wieder.

Und wie ist das so, keine Marina mit schönen Duschen und einem Steg vor sich zu haben? Also: die Nächte können mitunter sehr turbulent sein, denn diese Bucht ist nicht wirklich geschützt und so rollen wir und unser Boot in der Welle hin und her, vor und zurück, eine Welle schaukelt sich auf und schmeißt uns auf die andere Seite unserer Koje, der Windgenerator brummt dazu und liefert uns wertvollen Strom, den wir ja auch nicht so einfach über eine Steckdose an Land beziehen können. Süßwasser aus dem Tank muss gespart werden, also, ein erfrischendes Bad im Meer, ein paarmal ums Boot schwimmen, abseifen, wieder reinspringen, abschäumen und anschließend mit ner Buddel Süßwasser abspülen. Das An- und Ablanden mit dem Dingi an den Strand kann mal mehr oder weniger abenteuerlich werden, je nachdem, wie hoch die Welle ist. Neulich steckte die Capitana mit ihren zuvor mühevoll gewaschenen Haaren im Sand. Smutje hatte sie zum Rausziehen des Bootes beordert, doch die Kante am Strand übersehen. Und „Plumps“ versank die Capitana schimpfend im Wasser und das Dingi fuhr noch einmal über sie hinweg. Beim Reinfahren müssen wir eine grosse Welle abwarten, dann schnell das Boot reinschieben und rudern, rudern, rudern, um über die nächste Welle, bevor sie sich bricht, hinüberzukommen. Aber auch Capitanas Kopfüber-Manöver hatte etwas Gutes: sie durfte bei unserer Freundin, der englischen Lady Kathie unter die Dusche, ach, wie herrlich! Mittlerweile wartet schon ein Pulk Kinder auf uns, wenn wir mit unserem Dingi ankommen und hilft uns, es vor die Strandbar zu ziehen. Seitdem es für jeden einen Kaugummi gibt, wird es immer leichter für uns.

Nun sind wir seit gestern in Praia, in gut vier Stunden sind wir hierher gesegelt. Wir bereiten uns auf die Überquerung vor, müssen noch Süßwasser tanken und Lebensmittel bunkern. Nachdem wir einen ganzen Tag über den Seekarten saßen, und uns nicht sicher waren, ob wir nicht doch nach Tobago fahren sollen, haben wir uns doch für Brasilien entschieden.