Der Himmel ist strahlend blau, leicht wiegen sich die Kokospalmen im Wind, in der brasilianischen Motorbootmarina nebenan röhren die Wochenendfahrer mit ihren dicken Pötten durch den Fluss, neben uns fahren die Wassertaxis, kleine Holzboote, beladen mit Fahrrädern, Menschen, Tieren, alles, was drauf passt. Nach 16 Tagen auf See sind wir hier im kleinen Dorf Jacaré am Paraiba-Fluss angekommen.

In Praia müssen wir noch ein paar letzte Vorbereitungen treffen: Proviant besorgen, vor allem Obst und Gemüse und Wasser, den Mast checken, also wird Smutje mal wieder hochgewinscht, und mit der KASSIOPEIA Zeiten und Frequenzen zum Funken verabreden. Wir starten noch recht ruppig von Praia auf Santiago, die Welle ist konfus und der Wind auch. So bricht schon am ersten Tag einer unserer Spibäume, aber wir haben noch einen. Langsam wird der Wind immer schwächer und es wird immer heisser. Wir kochen drinnen wie draussen, dennoch schön, denn es wird nie langweilig, in den Himmel oder auf das Meer zu schauen. Nachts umspinnt uns ein grandioser Sternenhimmel, deutlich können wir die Milchstrasse erkennen. Sternschnuppen umschwirren uns und es ist unglaublich ruhig, bis auf das sanfte Plätschern des Wassers um unser Boot. Capitana hatte in ihren Wachen meist die Sonnenaufgänge und Smutje die -untergänge, aber das vermischte sich irgendwann, so dass wir beide einfach alles geniessen konnten.

Eines Nachts jedoch schreckten wir Beide auf, das Boot schlingerte, was war denn da los? Wir sprangen raus, Smutje bemerkte es als Erstes: „Der Blister ist weg!“ Wie konnte der denn verschwinden? Schnell sahen wir, dass das Fall durchgescheuert war und der Blister fröhlich neben dem Boot im Wasser schwamm. Also mitten in der Neumondnacht ein im Wasser schwimmendes 80qm grosses Leichtwindsegel aus dem Wasser fischen. Es ging relativ schnell, doch am nächsten Tag bemerkten wir, dass es etwas in Mitleidenschaft gezogen worden war, wahrscheinlich war es an einer Opferanode unten am Boot hängengeblieben, denn es hatte einen kleinen Riss. Auch kein Problem, bei über 40 Grad haben wir dann die entsprechende Stelle geflickt und konnten entspannt den Blister wieder aufziehen, was ein wunderbares Segeln ist, das Boot läuft sehr stabil und hat selbst bei wenig Wind etwas Fahrt.

Schiffsverkehr ist auf dieser Strecke eine Seltenheit, so war es dreimal so aufregend, wenn uns das AIS darüber informierte, dass irgendwo ein Schiff in der Nähe ist. An flautigen Tagen und Nächten konnten wir es auch schon meilenweit am Horizont entdecken, waren die Wellen höher, sahen wir es nur auf unserem Schirm. Als dann die berüchtigten Squalls einsetzten, gab es zusätzlich noch unglaubliche Wolkenspektakel zu sehen, Regenbögen in schwarzen Wolken, Wolkentürme und fluffige Schäfchenwolken in den verrücktesten Farbtönen. Nach unserem ersten Squall schaute Capitana hinten aus dem Boot und da sprang doch ein sehr grosser Fisch immer wieder aus dem Wasser!? Smutje war da schneller:“Der hängt an unserer Angel!!!!!“ Alarm! Die Genua wird reingezogen und die Angelleine langsam reingewinscht, das Gaff liegt bereit. Ein etwa 1,50m grosser Mahi-Mahi (Goldmakrele) hängt am Haken! Smutje zieht und zieht und zieht, hat den Fisch schon bis zur Bordwand gehievt, will gerade nach dem Gaff greifen, da sagte sich der Fisch, dass er sich doch zu schade für Sushi, Ceviche oder Filet ist und springt gekonnt vom Haken und verschwindet in den wilden Fluten. Kein guter Tag für Smutje. Morgens hatten wir fast immer fliegende Fische an Bord, doch waren die ja schon tot und völlig steif und dazu so klein, dass man auch eine Salzstange hätte essen können. Wir haben die auf jeden Fall nicht probiert. Dann gabs noch ganz viel herumschwimmendes Seegras, welches sich ständig an unserer Angelleine verhedderte. Die Tage vergingen mit Bücherlesen, in den Himmel und aufs Meer schauen, kleine Mahlzeiten essen, denn für mehr war es zu heiss. Die Spannung stieg, als wir uns deutlich dem Äquator näherten. Der Tag war ein Grauer gewesen, es hatte ständig geregnet und kein Blau war am Himmel zu sehen. Doch je näher wir der Südhalbkugel kamen, umso mehr klarte der Himmel auf. Hatten wir doch extra einen Dreizack gebastelt, um ihn dann Neptun, Rasmus oder sonst einem Seeheiligen in die Hand zu drücken. Da wir eh den ganzen Tag draußen im Regen geduscht hatten, dachten wir uns, dass wir die Meerwassertaufe auch lassen können, also tranken wir ein kleines Schlückchen Wein, etwas ging ins Meer, und genossen einfach den Augenblick, im Abendlicht auf die Südhalbkugel zu segeln.

Gen Ende nahmen die Squalls dann ab und wir nahmen trotzdem wieder Fahrt auf. Zwar lagen wir hart am Wind ganz schön auf der Backe, trotzdem war es ein schönes Gefühl, mal wieder richtig segeln zu können. Die brasilianische Küste warf schon Stunden bevor wir echte Lichter ausmachen konnten einen unglaublichen Lichtschein in den Nachthimmel, dass wir uns erst fragten, ob dies ein Wetterphänomen sei oder es tatsächlich die Lichter Brasiliens sind. Mit einem unglaublichen Tempo näherten wir uns diesem Lichtschein, so dass wir tatsächlich noch eine Wende fahren mussten, um nicht vor Tagesanbruch in den Paraiba einzulaufen. Hier landeten wir in der kleinen Marina Jacaré-Village, die von zwei extrem netten Franzosen betrieben wird. Noch leicht wackelig auf den Beinen betraten wir nach fast einem halben Jahr wieder Festland, das letzte Mal war Marokko im Dezember, dazwischen eine Vulkaninsel nach der anderen. Wir geniessen unsere erste Dusche nach etwa zwei Monaten, die zwar nur kaltes Wasser ausspuckt, aber wen stört das schon, bei 35 Grad im Schatten?! Mit einer Caipirinha, die nach 16 Tagen auf See so richtig lecker schmeckt und erfrischend wirkt, werden wir in der Marina begrüsst. Wir sind einfach nur glücklich, auf dem südamerikanischen Kontinent angekommen zu sein und futtern uns nun schon seit über einer Woche durch die brasilianischen Köstlichkeiten und diversen tropischen Früchte.

Fazit: Die gefürchtete Atlantiküberquerung entpuppte sich als unser schönster und entspanntester Törn überhaupt. Klar, es hätte mal ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger Wind sein können, aber wir wurden weder von Seekrankheit noch von allzu üblen Wellen geplagt und geärgert. Entgegen allen Befürchtungen von Langeweile oder dem berüchtigten Bordkoller genossen wir die Einsamkeit und Ruhe sehr und fielen ziemlich schnell in einen fast schon meditativen Zustand der Zeitlosigkeit. Die Tage plätscherten gemütlich dahin in dieser unendlichen Weite aus allen erdenklichen Blautönen. Eine einzigartige Erfahrung!